Jahrespoll 2019 - Die Favoriten der Redaktion

Es war ein enger Wettkampf an der Spitze im Jahr 2019: Da wären zum einen The National, die als standesgemäße Plattentests.de-Lieblinge für ihr aktuelles Album "I am easy to find" die Höchstpunktzahl 10/10 abstaubten und so auch im dezemberlichen Redaktionspoll die haushohen Titelfavoriten waren. Für 100 Euro Einsatz hätte man im internen Wettbüro nur 99 Euro herausbekommen. Miese Quote! Aber halt! Am Ende überzeugte doch ein Album noch mehr: "Norman fucking Rockwell!", das Opus Magnum von Lana Del Rey sollte letztlich das Rennen machen. Hätte man vor Jahresfrist wohl auch nicht gedacht. Am Ende aber ein verdienter Sieg und somit unser Album des Jahres. Ebenso eine Erwähnung wert sind die irischen Newcomer Fontaines D.C., die direkt auf dem Bronzeplatz einstiegen und so Nick Cave & The Bad Seeds hinter sich ließen. Reife Leistung! Und mit Sam Fender, Nilüfer Yanya und The Düsseldorf Düsterboys haben weitere Debütanten ihren Weg in unsere Top Ten geschafft. Soll mal noch jemand sagen, wir hypen immer nur die gleichen Bands.

Und nun zum Song des Jahres! Dieser Titel geht 2019 verdientermaßen an "Lark" von Angel Olsen. Tja, da schauste, Justin! Bon Iver konnten mit ihrem Album nicht jedermann überzeugen, aber immerhin reicht es für "Hey, Ma" zur Vizemeisterschaft. Auch hier: Herzlichen Glückwunsch! Die omnipräsente Billie Eilish hat sich unterdessen auch in unserer Liste breitgemacht, "Bad guy" komplettiert das Treppchen. Ein Bravo-Cover-Star in unserem Redaktionspoll? Hat man auch nicht alle Tage. Sonst noch bemerkenswert? Lana Del Rey, Fontaines D.C., Nilüfer Yanya und Nick Cave & The Bad Seeds auch bei den Songs unter den Top Ten! Und bei The National konnte sich die Redaktion nicht auf den einen Übersong einigen, vieles von "I am easy to find" wurde nominiert, für ganz vorne langte es letztlich nicht. "Light years" schubste sich aber immerhin noch auf Rang 14.

Album des Jahres

1. Lana Del Rey - Norman fucking Rockwell!

Wir waren gewarnt worden. 2018 erschien "Mariners apartment complex": gigantisch. Es folgte "Venice bitch": famos. Anfang 2019 dann "Hope is a dangerous thing ?": nächstes Meisterwerk. Als "Norman fucking Rockwell!" im Sommer erschien, war es tatsächlich so großartig wie versprochen ? weil die Einzelsongs toll sind und zugleich ein geschlossenes Album bilden. Lana Del Rey ist spätestens jetzt eine feste Größe.

Felix Heinecker

2. The National - I am easy to find

"Trouble will find me" unkten The National einst von der Pole Position. Purer Zynismus, weiß man heute. Auch wegen der kreativen Dessner-Twins verspürt die Ausnahmeband zum Ende der Dekade keinen Ärger, ist noch umtriebiger, fleißiger. Und wagt etwas. "I am easy to find" ist 16-fach bockstark - zart und kauzig, verschroben, funkelnd-tanzbar. 10/10 - auch für die tollen Gast-Vokalistinnen. Prost, Matt!

Eric Meyer

3. Fontaines D.C. - Dogrel

Wenn die neuen Nachbarn über meinem Büro "Sha sha sha" machen, tun sie das immerzu im Takt von "Big". Besser nicht auf "Television screens" vorstellen, der Shit ist eh schon "Too real". So hörten also auch meine Nachbarn im Jahr 2019 viel Fontaines D.C. Ist zwar per se kein Kuschelrock, aber wer vögelt wie ein Specht, mag sicher auch flotten Dubliner Post-Punk. Beschwert hat sich jedenfalls keiner.

Pascal Bremmer

4. Nick Cave & The Bad Seeds - Ghosteen

Manche Alben bedürfen besonderer Stimmungen und Umgebungen, um gehört zu werden. "Ghosteen" von Nick Cave & The Bad Seeds ist so ein Fall. Ähnlich wie "Hospice" von The Antlers oder "A crow looked at me" von Mount Eerie liegt hier ein überemotionales Werk vor, auf dem Cave den tragischen Verlust seines Sohnes verarbeitet, was eine Atmosphäre schafft, in der man sprichwörtlich die Luft durchschneiden kann.

Klaus Porst

5. Sam Fender - Hypersonic missiles

Kann man das wagen? Zur absoluten Prime Time? Kennt doch noch kaum wer? Fragte ich mich beim Auflegen. Und zog einfach "Will we talk?" hoch. Zwei Connaisseurinnen vorm DJ-Pult waren total überrascht und hatten wohl die 162 Sekunden ihres Lebens. Der Rest: irritiert, aber angetan. Dann kam einer, fragte sinngemäß: "Boah, wer ist das? Das ist so gut." Stimmt. Gänsehaut. Sam Fender ist schon jetzt ein Großer.

Armin Linder

6. Nilüfer Yanya - Miss Universe

Auf Bewertungen anderer herumhacken: ohne uns. Aber "Miss Universe" kam in der ursprünglichen Rezension nur semigut weg. Darum zur Ehrenrettung: Diese Platte ist phänomenal! Indie-Rock trifft auf R'n'B und Pop, ein Hit reiht sich nahtlos an den nächsten. Nilüfer Yanya singt dazu fiebrige Zeilen, die man sich auf die Stirn tätowieren möchte. Agiler und lebendiger war der alte Affe Indie 2019 wohl nirgendwo.

Kevin Holtmann

7. The Düsseldorf Düsterboys - Nenn mich Musik

"Kaffee aus der Küche"? Gerne einen großen Pott. "Alkoholgedanken"? Hat jeder ab und zu. Wenn die Keimzelle von International Music im zerknitterten Lo-Fi-Anzug das Absurd-Schöne des Alltäglichen feiert, nuckeln Helge Schneiders Hardcore und The Velvet Underground auf einmal am gleichen Bier. Und ja, das geht ans Herz - spätestens bei der Zeile "Schalke 04, ich will nicht mehr verlieren." Nuff said.

Thomas Pilgrim

8. Little Simz - Grey area

Jazz-Flöten und Horror-Streicher, smoother R'n'B und wütender Rap, Introspektion und giftige Gesellschaftskritik. Als Casper von "kuntergrau dunkelbunt" sprach, meinte er bestimmt die schillernde Stil- und Stimmungsvielfalt von Little Simz' ganz eigener "Grey area". Wer die Britin wegen ihres Künstlernamens als den x-ten Trap-Larry abstempelt, verpasst nicht weniger als das beste HipHop-Album des Jahres.

Marvin Tyczkowski

9. Pascow - Jade

Da sieht man, wie gut Pascow tatsächlich sind: Da zeigt die Band allen Szenepolizisten kurzerhand die lange Nase und fabriziert mit "Wunderkind" nicht nur eine astreine Ballade, sondern packt sie auch noch auf ein Album, das trotz seiner Klasse hinter dem Vorgänger zurückbleibt. Und ragt noch immer meilenweit aus dem Genre heraus. Auf Kante genähter Punk mit Hirn, Herz und Haltung ist das. Chapeau!

Martin Smeets

10. DIIV - Deceiver

Dass das mal klar ist, liebe Leser: Drogen sind böse. Don't try this at home! Vertreibt Euch die Zeit lieber mit diesem zwischen Shoegaze, Dream-Pop und Post-Rock wandelnden Album. Auf "Deceiver" rechnet DIIV-Mastermind Zachary Cole Smith nicht einfach mit seiner Sucht-Vergangenheit ab, sondern akzeptiert sie als Teil seines Lebens. Wenn doch nur aus allem Schlechten so viel Gutes entstehen könnte.

Jennifer Depner

11. Purple Mountains - Purple Mountains
12. Great Grandpa - Four of arrows
13. Bruce Springsteen - Western stars
14. Press Club - Late teens
15. Chelsea Wolfe - Birth of violence
16. Bilderbuch - Vernissage my heart
17. Turbostaat - Nachtbrot
18. Sharon Van Etten - Remind me tomorrow
19. Slaughter Beach, Dog - Safe and also no fear
20. Leonard Cohen - Thanks for the dance

Song des Jahres

1. Angel Olsen - Lark

Kate Bush und Julia Holter als erste Assoziationen bei Angel Olsen? Die Neuausrichtung von "All mirrors" samt ausladenden Streicher-Wänden und Songstrukturen dürfte so manchen Fan irritiert haben. Doch wie hervorragend das neue Gewand sitzt, beweist vor allem "Lark": eine zum Zerreißen gespannte, kathartische Suite emotionaler Gewitterstürme, fiebrig, zerbrechlich, aufbrausend und schlicht umwerfend.

Marvin Tyczkowski

2. Bon Iver - Hey, Ma

Justin Vernon kann noch Hits schreiben. Wer befürchtete, Bon Iver zu Zeiten von "22, a million" im digitalen Dickicht zu verlieren, bekam mit der unverhofften Single "Hey, Ma" das Gegengift. Es ist wunderbar, wie der Song sich laufend steigert, ebenso wie der melodische Knick bei "You wanted it your whole life / You're back and forth with light", der das Stück endgültig zu einem ihrer schönsten macht.

Felix Heinecker

3. Billie Eilish - Bad guy

Billie Eilish ist der perfekte Star für eine neue Generation. Inwiefern sie ein "industry plant" ist, spielt hier eigentlich keine Rolle. Denn ihre Musik macht Spaß. Exemplarisch hierfür: "Bad guy", ein unverschämt eingängiger Stampfer ohne Gnade, dafür mit einer Melodie für Millionen. Und Eilish besitzt nicht nur Talent, sondern auch jede Menge Charme. Die einzig richtige Antwort auf Hater? Duh.

Christopher Sennfelder

4. Lana Del Rey - Venice bitch

Lana Del Rey war lange Zeit die ungekrönte Meisterin des blutdrucksenkenden Schwermuts-Pop. "Venice bitch", Vorbote ihres bislang besten Albums, bastelte sich in seinen fast zehn Minuten Spielzeit dann selbstbewusst eine Krone aus Dornen und Zuckerstücken und setzte sie sich in dieser prunkvollen Zeremonie dann letztlich auch auf. Ein Blick in den Spiegel: "Bang bang, kiss kiss." Drama, Baby!

Kevin Holtmann

5. Fontaines D.C. - Boys in the better land

Fontaines D.C. gehen mir am Arsch vorbei! Dachte ich beim ersten Hören von "Dogrel". Wie falsch diese Einschätzung war, zeigte der Lauf des Jahres. "Dogrel" läuft regelmäßig und "Boys in the better land" muss es auf jede Jahresbestenliste von Leuten, die nur im Entferntesten etwas mit Post-Punk zu tun haben schaffen. So viel Verve und Schmiss und Ecken und Kanten und Hitpotential in fünf Minuten!

Martin Smeets

6. Nilüfer Yanya - In your head

Als hätte Nilüfer Yanya meine Gedanken lesen können: "In your head" habe ich dieses Jahr auch einfach nicht aus dem Kopf gekriegt. Bei den ersten Sonnenstrahlen im Frühjahr, in verschwitzten Sommernächten, an goldigen Herbstabenden oder frostigen Wintermorgen - auch ich war immer dark, confused und paranoid. Manchmal ist man eben eins mit einem Künstler, eins mit einem Song. Nilüfer Jen-ya? Jederzeit.

Jennifer Depner

7. Nick Cave & The Bad Seeds - Bright horses

Wenn "Ghosteen" eines nicht liefern konnte, auch gar nicht liefern wollte, sind es Hits. Aber "Bright horses" instruiert auf wunderschöne Art mit sanft wiegender Mehrstimmigkeit das weite Feld aus Meditation, Spiritualität, Traumsequenzen und der teils beklemmenden Transzendenz von Diesseits und Jenseits. Die Gedanken sind fortan eingetaucht in die Welt von Nick Cave und seine ureigene Epiphanie.

Stephan Müller

8. Sleaford Mods - O.B.C.T.

Erzählt Englands notorischstes Pöbel-Duo zweckmäßig abgekürzt von "obesity", kann das eigentlich nur heißen: Nach dem zweiten Mal Kotzen wird es erst richtig interessant. Darunter macht es ohnehin keine Magengrube bei diesem Monster-Track samt muskulös donnernder Basslinie und Kazoo-Einlage am Rande des Nervenzusammenbruchs. Einen Hit brackigeren Wassers gab es 2019 nicht. Und dick sein ist fett.

Thomas Pilgrim

9. Sharon Van Etten - Comeback kid

Ein Plädoyer für den Indie-Rock: Wenn Sharon Van Etten Gegensätzliches scheinbar mühelos vereint, schnoddrige Coolness auf euphorische Ekstase treffen lässt, das alles auch noch zu einem flüssigen, mächtigen Ganzen zusammenführt, entsteht Highlight-Alarm. Dass dieses "Comeback kid? auch noch unangestrengt nach spontanem Geistesblitz klingt, macht die Sache noch schöner. Locker aus der Hüfte, mitten ins Herz.

Martin Makolies

10. Big Thief - Not

Lob für gleich zwei Platten heimsten Big Thief 2019 ein. Der unbequeme Song "Not" zeigt die Wandelbarkeit der Band, ist fast mehr Grunge als Indie, ist Klagelied, auch über zu zögerliche (Klima-)Politik und die lethargisch-selbstgerechte Gesellschaft sowie inständiger Appell: Ein "Weiter so!" wird alles härter gegen die Wand fahren lassen, als der wunderbar lärmige, verquere Schluss des Stückes andeutet.

Eric Meyer

11. Jay Som - Superbike
12. Sam Fender - Will we talk?
13. Aldous Harding - The barrel
14. The National - Light years
15. Little Simz - 101 FM
16. Black Pumas - Colors
17. Fontaines D.C. - Sha sha sha
18. FKA Twigs - Sad day
19. Voodoo Jürgens - Angst haums
20. Hayden Thorpe - Diviner

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Auswertung: Kevin Holtmann
Koordination und Einleitungstext: Kevin Holtmann
Texte: Die Redaktion von Plattentests.de