Christopher Owens - Lysandre

Christopher Owens- Lysandre

PIAS / Turnstile / Rough Trade
VÖ: 25.01.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Keine Mädchensache

Eine Rezension oder überhaupt irgendeinen Text über Christopher Owens zu schreiben, ohne dabei seine Kindheit in einer Sekte, die sich prostituierende Mutter oder seine Drogengeschichten zu erwähnen, ist beinahe unmöglich. Schön also, wenn man es gleich im ersten Satz schafft und sich danach den eigentlichen Dingen widmen kann. Denn worum geht es wirklich? Owens hat es geschafft, könnte man fast meinen. Sicher ist er nicht einer der reichsten Leute der Welt, und bestimmt könnten zu seinen Konzerten auch immer noch ein paar hundert Menschen mehr kommen. Noch vor ein paar Jahren aber kannte niemand den 33-Jährigen, bis er einen musikalischen Hattrick geschafft hat. 2009 erschien mit "Album" das umjubelte Debütalbum seiner Band Girls, ein Jahr darauf die grandiose "Broken dreams club"-EP und 2011 schließlich machte "Father, Son, Holy Ghost" die Trilogie perfekt. Und dann? War Schluss mit Girls.

Eine Entscheidung, die Owens selbst wohl im Nachhinein schwerer fiel, als man zunächst annahm. Aus dem Nichts kam im Sommer 2012 die Nachricht, dass es die Band ab sofort nicht mehr gebe und der Sänger ab sofort alleine musizieren wolle. Angesichts des Umstandes, dass Girls immer nur zwei feste Mitglieder hatte und ansonsten eine Art Drehtüre für diverse Musiker bot, die sich hier und da mal ausprobieren konnten, mag es verständlich sein, dass ausgerechnet derjenige, der sich eine Band mehr als alles andere wünschte, irgendwann die Reißleine zog und es lieber solo versuchen wollte. Mit "Lysandre" liegt nun das erste Album von Christopher Owens vor, das er gemeinsam mit Dave Boehm produzierte, der auch schon bei "Father, Son, Holy Ghost" hinter den Reglern stand. Und wer zuvor immer annahm, dass Girls ja eigentlich sowieso nur Christopher Owens war (und andersrum), wird gründlich eines Besseren belehrt.

Klar ist, dass auch hier natürlich die privaten Geschichten die zentrale Rolle spielen: Sie spiegeln sich in den Texten wieder, im Gesang, in der Stimmung der einzelnen Songs. Dennoch ist Owens "Lysandre" mehr Konzeptalbum, als es alle anderen Erscheinungen von Girls je waren. Der Name stammt (natürlich!) von einem Mädchen, in das er sich auf Tour verliebte. Und die meisten Stücke handeln ebenso von seinen Gefühlen zu eben dieser Dame - wie die Beziehung anfing und jäh endete. Ausgeschmückt wird das Szenario durch detailreiche Beschreibungen bestimmter Situationen und natürlich einer wiederkehrenden und teilweise sogar durchgängigen Melodie, die im Opener "Lysandre's theme" zum ersten Mal vorgestellt wird, ähnlich wie bei einem Film. Die zerbrechlich wirkende Ballade "A broken heart" animiert den Hörer zu einer Umarmung und in Gedanken zu einem Schulterklopfer für Owens, während "Love is in the ear of the listener", eine arg schmalzige Midtempo-Nummer, fast schon zu viel des Guten ist.

Das Problem mit "Lysandre" - und es ist wohlgemerkt das einzige Problem - ist, dass es als Gesamtwerk, als eine Geschichte mit Anfang, Mittelteil und Ende, nicht so richtig wirken will. Sicher hat ein Song wie der vor Freude, Hoffnung und Saxophon strotzende "New York City" seine Daseinsberechtigung, wirkt im Albumkontext, das ja nach einem bestimmten Grundprinzip aufgebaut ist, fehl am Platz. Auf den schunkeligen Titeltrack von "Lysandre" folgt das todtraurige "Everywhere you knew" und erzählt vom Ende der Beziehung und dem, was noch davon übrig geblieben ist. Besser funktionieren die beiden zusammengehörigen "Here we go" und "Here we go again", eben weil sie nicht direkt aufeinanderfolgen und einer immerhin ähnlichen Richtung folgen. Zum Schluss seiner Geschichte macht Owens aber alles richtig: Auf "Closing theme", eine etwas dramatische Version des Openers mit der gleichen Melodie, folgt mit "Part of me (Lysandre's epilogue)" einer der schönsten Songs, die der Mann je geschrieben hat. Mit sich im Reinen, ertönt hier die Zeile "You were a part of me / But that part of me is gone", und mit genau der richtigen Mischung aus Verzweiflung und Hoffnungsschimmer verabschiedet sich Owens nach nicht mal einer halben Stunde. Der Anfang ist gemacht, und bisher wurden bei Owens die schwierigen Geschichten immer seine besten.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Here we go
  • Here we go again
  • Everywhere you knew
  • Part of me (Lysandre's epilogue)

Tracklist

  1. Lysandre's theme
  2. Here we go
  3. New York City
  4. A broken heart
  5. Here we go again
  6. Riviera rock
  7. Love is in the ear of the listener
  8. Lysandre
  9. Everywhere you knew
  10. Closing theme
  11. Part of me (Lysandre's epilogue)

Gesamtspielzeit: 28:38 min.

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