Motorama - Calendar

Motorama- Calendar

Talitres / Rough Trade
VÖ: 01.02.2013

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Frühling übt sich

Die verehrte Kollegin Depner wusste es beim Debüt der New Yorker als Erste: The Drums sind Joy Division mit anderen Mitteln. Auch gut zu wissen: Der bisherige Backkatalog von Motorama - immerhin drei Singles und ein Album - steht kostenfrei auf der Bandwebsite zum Download bereit, sodass "Calendar" die erste Platte der Russen ist, für die man wohl oder übel etwas Geld da lassen muss. Motorama sind eben mit wenig zufrieden, und so zieht es die fünf gemäß Videoclip zu "To the South" statt in die Ferne vielmehr in die nahe gelegenen Wälder, wo sie dann lustig picknicken, ein bisschen Fußball spielen und zwischen Bäumen und Gebüschen einen Freiluftauftritt hinlegen.

Doch obwohl es im heimischen Rostow am Don vermutlich selten eine "Atrocity exhibition" gibt und auch der Ruf "Let's go surfing" dort meist ungehört verhallt, passt es ins Bild, dass Frontmann Vladislav Parshin sich in Ian-Curtis-Manier auf der Auslegeware wälzt und Jacob Graham von The Drums laut überlegt, warum das Quintett nicht längst viel bekannter ist. Letzterer sollte sich angesichts dieses Albums allerdings keine allzu großen Sorgen machen: Das Post-Punk-Revival mag hier und da schon etwas komisch riechen - auf "Calendar" dagegen duftet es nach welkenden Blumen, übergroßen Bonbons mit Zitronengeschmack und der malerischen Natur auf dem Cover.

Und da es in Südrussland auch etwas kälter werden kann, sollte man sich beizeiten dick einmummeln. Am besten mit diesen zehn Songs. Die spinnen Motorama zwar fein aus spitzfingrigen Gitarrenlicks und eisigen Melodien zusammen - wärmer ums Herz als hier könnte es einem aber auch in einem dichten Strickpulli kaum werden. Das Schlagzeug pumpt ausdauernd durch die sanft melancholisierenden Kompositionen, und aus den Keyboards steigen schwach funzelnde Wölkchen auf. Die belegte Stimme erzählt derweil von schöneren Orten und verhindertem Zusammensein - eben ganz wie der tote Rockstar, auf dessen nochmalige Nennung wir einmal verzichten wollen.

Da ist es bei aller gedrückter Eleganz dieser dreieinhalbminütigen Paketchen Schwermut kein ganz einfaches Unterfangen, einzelne Stücke aus "Calendar" herauszulösen. Zu selbstverständlich verschmelzen Post-Punk, Indie, Shoegaze und Dream Pop miteinander, wenn Parshin sich beim traurigen, aber berauschenden "Rose in the vase" dem Timbre von The-National-Sänger Matt Berninger annähert oder "White light" und "Sometimes" es zu glasklaren Gitarren- und Bassfiguren etwas lauter poltern lassen. Heil bleibt trotzdem alles - sowohl das vollbesetzte Ruderboot auf dem Cover als auch das Gemüt des Hörers. Und bald nichts wie raus in die Natur: Laut Kalender wird es bald Frühling.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • To the South
  • Rose in a vase
  • Sometimes

Tracklist

  1. Image
  2. White light
  3. To the South
  4. Rose in the vase
  5. In your arms
  6. Young river
  7. Sometimes
  8. Two stones
  9. Scars
  10. During the years

Gesamtspielzeit: 36:10 min.

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