Sofia Härdig - The norm of the locked room

Sofia Härdig- The norm of the locked room

Solaris Empire / Broken Silence
VÖ: 18.01.2013

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Prekariatsmusik

Soeben lief dieses Album gleich zweifach. Gleichzeitig. Während einige Zeilen unter dieser Einleitung entstanden und "The norm of the locked room" im Hintergrund lief, sollten letzte Details recherchiert werden. Und so öffnete der Schreiber dieser Anmerkungen eine Homepage zu Sofia Härdig, unbemerkt lief dort das Album ein zweites Mal an. Der Fauxpas war irgendwann zu bemerken, natürlich, aber in der Länge von zwei, drei Songs lief "The norm of the locked room" überlagert, verschoben, zwei Mal quer zueinander. Und das Erstaunliche war: die ungewollte Sabotage funktionierte, seltsamerweise.

Es sagt einiges aus über den Schreibprozess von Sofia Härdig, dass ihre Musik diese Dopplungen und Verschiebungen, diese schrägen Anschlüsse verträgt. Härdig bastelt Musik, legt Spuren übereinander, verschraubt lose Enden. Es ist ein vorsichtig avantgardistischer Ansatz, den sie nunmehr bereits auf Album Nummer fünf verfolgt. Da erstaunt es umso mehr, wie wenig zu finden ist, wie abseitig und wenig auf der Höhe der Zeit Härdig im Netz beworben wird, bedenkt man, dass die Schwedin in ihrer Heimat zumindest keine ganz Unbekannte mehr ist. Mal erscheint sie als Begleitung zur bildenden Kunst, mal wird sie mit einem staatlichen Stipendium für das nächste Album gepeppelt. Härdigs Bio auf ihrer Seite liest sich wie ein akademischer Curriculum Vitae. So verkopft dies denn auch klingt: Wissenschaft wie Kunst als Lebensentwürfe sind prekär.

Nicht zuletzt, weil Sofia Härdigs Schaffen in seiner Eigenständigkeit fordert. Härdig lötet ihre Musik zusammen aus wavigen Bassläufen, Noise, Ambient und fräst mit Gitarrenriffs scharfe Ecken und Kanten hinein - im Falle des großartigen "Low and slow" mit einigem Groove. Programmatisch sprechsingt sich die Meisterin in "The Norm" in Rage - nicht selten hat "The norm of the locked room" Manifestcharakter. Wer Manifeste schreibt, muss jedoch über die Wahl seiner Mittel und die rhetorischen Strategien nachdenken. Wer über die bloße Unterhaltung hinaus will, wer appelliert, der muss an sein Publikum denken. Er muss vor allem auf Verständlichkeit achten. Hier steht sich Härdig ab und an im Weg. Nicht immer ist klar, ob die Heterogenität, das Verquere Teil des Plans ist oder Folgefehler. "It's a man" scheint viel zu wollen, findet aber doch die Worte nicht. Die meisten hochpolitisierten Manifestschreiber wählen später doch den Weg in die nüchterne Wissenschaft. Härdig hingegen darf gerne nochmals ansetzen. Prekär bleibt es ja sowieso, dieses Leben.

(Nicklas Baschek)

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Highlights

  • Low and slow
  • The norm

Tracklist

  1. Streets
  2. Closed eyes
  3. The girl in the window
  4. Low and slow
  5. The norm
  6. Swim!
  7. It's a man
  8. Form a distance
  9. Street (Video Version)

Gesamtspielzeit: 38:35 min.

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