Cult Of Luna - Vertikal

Cult Of Luna- Vertikal

Indie / Edel
VÖ: 25.01.2013

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

... dann machen

Der Avantgarde-Komponist William Basinski hatte eine gute Geschichte damals zu seinen "Disintegration loops": Demnach wollte er alte Magnetbänder aus seiner verwegenen Künstler- und Studienphase der Siebziger konservieren, spielte die Bänder also ab, um sie zu digitalisieren. Er verließ den Raum, kam Stunden später zurück. Da bemerkte er, dass sich die alten Loops beim Abspielen zersetzten. Zurück blieben also Aufnahmen des immer gleichen Loops, das Minute für Minute kaum merklich erodierte. Es war, als hinterließe die Zeit ihre Spuren, vor unseren Augen, fast zum Greifen. Zurück blieb diese zerfallende Musik über den Zerfall. Und da wurde Basinski also eines morgens fertig mit seiner Arbeit, er setzte sich mit Freunden auf das Dach seiner Wohnung in New York und hörte zum ersten Mal diese schmerzhaft schönen und nostalgischen, bodenlos einsamen Klavierloops. Er blickte auf die rauchenden Türme - es war der 11. September 2001.

Wir Musikjournalisten glauben dankbar jede Stilisierung, wenn sie gut ist. Zumindest wenn wir selbst gut sind in dem, was wir tun. Wir schreiben darüber, behaupten, es interessierte uns. Vermutlich interessiert es viele sogar wirklich. Ja, und jetzt kommt wieder die alte Authentizitätsdekonstruktionsnummer, "Spex" und Poplinke, neunziger Jahre. Aber tatsächlich interessiert es kein Schwein, was da nun wahr ist und was nicht. Falsches Bewusstsein ist kein Problem mehr, die Fälschung zwecks Neujustierung, Verwirrung und Aufklärung ist selbst zur Kulturtechnik geworden. Und das werte bitte keiner als schnöde Verteidigung der Abschreibe-Hegemann.

Cult Of Luna haben also neu angesetzt nach dem brillanten Album "Eternal kingdom" von 2008. Für dieses hatten die Schweden mit "Ghost trail" den womöglich besten Postmetal-Song aller Zeiten geschrieben. Ein Stück, das sich aufmachte zu diesen zum Sterben schönen Gitarrenläufen und schließlich doch bei dieser zerbombten Grausamkeit landete. Nicht zu vergessen, schloss "Following Betulas" schließlich "Eternal kingdom" perfekt ab, sein Ausklang scheint auf ewig nachzuhallen. Was so losging, kann nicht gut enden. "Vertikal" soll nun also Fritz Langs "Metropolis" nachempfunden sein. Und Cult Of Luna komponieren die Musik mit richtig Grips dazu - für jene, die die Bachelorarbeit über Adorno mit der Überzeugung schreiben, das Richtige vom Falschen unterscheiden zu können. Wisst Ihr was? Ihr müsst doch wieder Tocotronic hören.

Cult Of Luna versprachen sich sicherlich neue Erkenntnisse aus dieser Kontextualisierung. Das jedoch gerade die Band im Sludge-Doom-Post-Kosmos, die den wohl organischsten, den erdigsten Sound zusammenbrachte, die immer klang, als schichtete sie Gitarren wie Lehm, nun den Fabriken und Städten die Musik auf die Leiber schreiben will, ist zunächst einmal nicht besonders naheliegend. Wider Erwarten funktionieren immerhin die Synthies bestens, die "The one" zu Beginn schockfrosten. Hier regiert die Vangelis-Kühle, Cult Of Luna meinen "Metropolis" in der "Blade Runner"-Variante.

Deutlich anders sieht das aus in "Vicarious redemption", dem Herzstück des Albums, das Cult Of Luna in 20 Minuten in überstiegen gigantische Kleider stecken. Weder die fünf Minuten verödetes Intro noch die sieben Minuten später naiv hereingeschmissenen Dubstep-Anbiedereien wissen etwas zur Geschichte beizutragen. "Vertikal" will halbherzig von der Stelle, indem es das Maschinelle wie Prothesen anlötet an die Passagen, die man auf den Vorgängern schon einige Male in deutlich besser gehört hat. Keine Gitarrenspur malträtiert so wirksam, kein zerhacktes Stimmband nimmt so mit, wie es "Ghost trail" konnte, nicht ein Mal entfalten Cult Of Luna den gewaltigen Druck des Vorvorgängers "Somewhere along the highway". Ernüchternderweise sind es denn auch die schnörkellos rockenden "I: the weapon" und "In awe of", die neben dem erwähnten Arktis-Intro am meisten zu gefallen wissen, und selbst diese sind dreist von Isis abgeschrieben. "Vertikal" fehlen die Märchen und schlussendlich fehlt ihm auch der Intellekt. Wenn die Metropolis-Geschichte diesmal stimmt, wissen wir endgültig: Lieber gut als echt.

(Nicklas Baschek)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • The one
  • In awe of

Tracklist

  1. The one
  2. I: the weapon
  3. Vicarious redemption
  4. The sweep
  5. Synchronicity
  6. Mute departure
  7. Disharmonia
  8. In awe of
  9. Passing through

Gesamtspielzeit: 65:34 min.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify