Jean-Michel Aweh - Raus aus dem Nebel

Jean-Michel Aweh- Raus aus dem Nebel

RCA / Sony
VÖ: 21.12.2012

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Talentvergeudung

Ein Typ im Football-Jersey, der Gedichte vorträgt. Ein Vogel, der offenbar nur ein Lied singen kann (und das nur, wenn er auch will). Oder auch ein kleiner Mann, der mit seiner Seifenblasen-Show locker eine eigene Abendsendung füllen könnte, wenn er denn dürfte: Was einem dieses Jahr wieder als "Supertalent"-Kandidat verkauft werden sollte und mit allen Mitteln der großen RTL-Kunst beworben wurde, bedarf eigentlich keiner weiteren Erläuterung zum qualitativen Mehrwert solcher Formate. Aufgrund seiner teilweise sicher nicht untalentierten Sänger schaut sich jedenfalls keiner die Show an, ist doch ohnehin klar, dass der Gewinner innerhalb des Jahres bis zur nächsten Staffel munter verbraucht wird, bis ihm die berüchtigen Bohlen-Bums-Beats und Mallorca-Rhythmen auch das letzte bisschen Seele aus dem armen geschundenen Körper gesogen haben - und im darauffolgenden Jahr ward das letzte "Supertalent" nicht mehr gesehen.

In diesem Jahr aber soll wohl die Ausnahme die Regel bestätigen: Als der 20-jährige Hesse Jean-Michel Aweh die Bühne betritt und zuerst seine Version eines Revolverheld-Songs präsentiert, bis er schließlich mit Philipp Poisel zu Tränen rührt, ist eigentlich schon klar, dass er das Ding einheimsen wird. Bis zum Schluss wird Awehs Geschichte medienwirksam ausgeschlachtet: dass seine Eltern sich getrennt haben und er den Kummer zunächst mit Schlägereien verdrängen wollte - wen oder was genau der schmächtige Kerl tatsächlich verprügelt haben soll, bleibt natürlich offen. Danach habe er sich der Musik gewidmet und eigene Songs geschrieben. Das Image des ultrasensiblen, zerbrechlichen Künstlers, der zum Schluss schließlich als erster Kandidat überhaupt eine Eigenkomposition zum Besten geben durfte, sicherte ihm schließlich noch ein paar Stimmen - nicht, dass es bei der Sendung wirklich darauf angekommen wäre: Das Cover seines Albums "Raus aus dem Nebel" war bereits vor der Finalsendung veröffentlicht worden, ebenso das des Zweitplatzierten Christian Bakotessa.

Nun ja, natürlich möchte man sich aber nicht mit Verschwörungstheorien aufhalten. Fakt ist, dass bei Aweh wirklich alles etwas anders ist: Acht der zehn Songs seines Debütalbums stammen aus seiner Feder, als Zugabe gibt es seine beiden beliebtesten "Supertalent"-Coversongs, Grönemeyers "Der Weg" und natürlich "Wie soll ein Mensch" vom guten Poisel. Letzterem wurde ein Stück seines Titels geraubt - wo ist denn "das ertragen" hin? Auch wenn das gesamte Album die emotionale Seite des jungen Mannes dick und fett mit dem Marker unterstreicht und man die offiziellen Vorbilder wie eben Poisel und Tim Bendzko kaum verleugnen kann, lässt sich das vorhandene Talent Awehs nicht einfach so abstreiten. "Raus aus dem Nebel", Titeltrack, Opener und erste Single zugleich, ist bereits aus der Finalsendung bekannt. Der Refrain hat astreines Mitsing-Potential fürs Radio und die anstehende Tour, Awehs Stimme bricht stellenweise ab, was die Zielgruppe sicher süß findet, hier aber auch nicht unbedingt stört.

Merkwürdig anmutenden Pseudo-Reggae-Beat gibt es in "Bring die Sonne mit", Zuckerpop inklusive Streichern in "Diese Nacht", immerhin annehmbare textliche Ideen in "Houston, wir haben ein Problem": Klar gibt es bei Aweh das volle Programm. Auch wenn der Mensch dahinter selbst anders vermarktet wird, muss die Musik schließlich verkauft werden. Weh tut er hier dennoch kaum, und schlimmer geht es mit anderen Kandidaten immer. Die letzte eigene Nummer des Albums, "Schatten ohne Licht", ist mitsamt der mittlerweile gewohnten Pianoklänge ein Gebet an Gott, bis es etwas plump übergeht zur gar nicht doof gecoverten Grönemeyer-Nummer, der es aufgrund ihres tragischen Hintergrunds natürlich massiv an der Emotionalität des Originals fehlt. Immer wieder erinnert man sich, dass Aweh mit der Teilnahme an der Casting-Show womöglich den größten Fehler seines Lebens gemacht haben dürfte. Raus aus dem Nebel und wieder zurück geht bei RTL und Konsorten ganz schnell, auch bei einem vermeintlich talentierten "Supertalent".

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Raus aus dem Nebel
  • Houston, wir haben ein Problem
  • Wie soll ein Mensch

Tracklist

  1. Raus aus dem Nebel
  2. Ich bin bei Dir
  3. Diese Nacht
  4. Weil ich fliege
  5. Houston, wir haben ein Problem
  6. Bring die Sonne mit
  7. Rosenmann
  8. Schatten ohne Licht
  9. Der Weg
  10. Wie soll ein Mensch

Gesamtspielzeit: 38:14 min.

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