Keine Zähne Im Maul Aber La Paloma Pfeifen - Postsexuell

Keine Zähne Im Maul Aber La Paloma Pfeifen- Postsexuell

Broken Silence
VÖ: 17.08.2012

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Je oller, je doller

Mal ehrlich: Bekloppter geht es doch wohl kaum. Ein Bandname, der irgendetwas zwischen Grölreflex und Fremdschämanfall auslöst. Mit "Northern Punk aus Kiel" eine unerträglich lustige Stilbezeichnung für alle, die es ganz genau wissen wollen. Und auf dem Cover ein alter Herr beim häuslichen Miteinander mit seiner Gemahlin, obwohl er gemäß Denkblase lieber mit seinen Kumpels in der Opa-Kneipe säße und die Katze viel schärfer auf das Wollknäuel wäre. Aber wer weiß: Vielleicht sehen sich auch Jochen Gäde, Lars Stuhlmacher und Steffen Frahm in Gedanken schon bald im Seniorenetablissement sitzen. Bis dahin machen sie einfach noch ein bisschen Punkrock mit deutschen Texten. Oder war es (Kom-)Post Punk? Und was ist mit Old Wave? Bald muss man erkennen: Doch gar nicht alles so eindeutig hier.

Immerhin steht fest: Keine Zähne Im Maul Aber La Paloma Pfeifen sind tatsächlich nicht mehr die Allerjüngsten. Und haben deswegen schon einiges gesehen. Oder vielmehr gehört. Fehlfarben in ihrer Beton-Phase und Anfang der 1980er Jahre The Cure und Joy Division, aber auch den gehobenen Flammenwerfer-Punk ihrer Nachbarn Turbostaat und Knarf Rellöms kulturpessimistischen Nonsens-Pop. Und selten ergaben so kunterbunte Versatzstücke so konsequent dunkelgraue Lieder. Da können die Kieler beim kantigen Opener "Bau eine Kirche draus" noch so robust in "Pennen bei Glufke"-Manier lärmen oder im Titelsong eine promiskuitäre Gesellschaft mit den Worten "Wenn mich die Frauen locken / Lauf ich nach Hause und sortier die Socken" verspotten - die wahren musikalischen Kapriolen und Sätze für die Ewigkeit folgen erst noch.

Vor allem in "Leb so, dass es alle wissen wollen", das zunächst mit bohrendem Basslauf und präzisem Drumcomputer den "A forest"-Wiedergänger gibt, bis Gäde mit präziser Selbstanalyse die Bilanz eines verpfuschten Daseins zieht und das Stück plötzlich in einer fidel piepsenden Zentrifuge aus analoger Elektronik landet. Ein desillusionierter, aber dennoch perfekter Popsong von umwerfender emotionaler Direktheit, bei dem der niedergeschlagene Protagonist endlos wiedergekäute Durchhalteparolen so missmutig rekapikuliert, als wären sie ihm genauso zuwider wie er sich selbst. Klingt schwerverdaulich und sperrig - entpuppt sich trotz geschlagener acht Minuten aber schnell als unwiderstehlicher Hit und als musikalische Lebenshilfe mit umgekehrten Vorzeichen: Nachmachen nicht empfohlen, Nichtmitsingen und -tanzen unmöglich. Fantastisch.

(Noch) besser wird "Postsexuell" danach zwar nicht mehr - doch wie könnten die übrigen Stücke die Qualität dieses Albums schmälern? Bei "Endstation Bolinas" und "Hobby = Bonbon" knackt es gewaltig im Gang-Of-Four-Gebälk, "O.S.M. 2000" übertönt Beziehungskatarrh mit tosendem Krawall, und das gereizt vor sich hinschwelende "Meise, Pony, Albatros" rüstet mit dem Satz "Du bist das Omega-Huhn / Und ich der Alpha-Affe" zwischen trockenem Humor und rotzigen Ausbrüchen zum Geschlechterkampf in Brehms Tierleben. Im krautig verwurmten "Hallo, Leben, aus" widmen sich die Norddeutschen dann den letzten Dingen, auch wenn es danach fürs Erste nur mit diesen begeisternden zehn Stücken zu Ende geht. Doch sollen die drei ruhig mit ihrer relativen Betagtheit kokettieren: Auch das Neue wird alt werden. Ja, Du bist gemeint, Du alter junger Hüpfer.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Bau eine Kirche draus
  • Leb so, dass es alle wissen wollen
  • Meise, Pony, Albatros
  • Hobby = Bonbon

Tracklist

  1. Bau eine Kirche draus
  2. Postsexuell
  3. Leb so, dass es alle wissen wollen
  4. ...: fertig
  5. Endstation Bolinas
  6. Meise, Pony, Albatros
  7. O.S.M. 2000
  8. Hobby = Bonbon
  9. Wenn Du neben mir stehst wird alles schwarz
  10. Hallo, Leben, aus

Gesamtspielzeit: 55:53 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
rofl
2015-02-23 12:10:46 Uhr
"kaputtrollen ist angesagt"

Roll kaputt was dich kaputt rollt!
Engelbert Humperdinck
2015-02-23 12:03:02 Uhr
" Leb so dass es alle wissen wollen " ist imho textlich vielleicht das Beste deutschsprachige Lied der letzten 5 Jahre.

Ich erhöhe auf 10 Jahre.
Mein Name
2015-02-23 11:38:39 Uhr
Der Text ist wirklich ziemlich gut aber hier auf plattentests findest du nicht das Niveau an Hörerschaft für sowas @By the w
nix mit intellektueller Reflexion, nur kaputtrollen ist angesagt
seid doch mal ehrlich
2015-02-21 03:33:20 Uhr

" Leb so dass es alle wissen wollen "

welcher user wird schon so leben, dass es alle wissen wollen?

ist doch utopisch.
Hysterische antideutsche Nervensäge (nur echt mit dem Krippenschaden)
2015-02-20 20:05:09 Uhr
Warum wird dieser Grauzonenscheiss hier überhaupt gefeatured??
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