Mogwai - A wrenched virile lore

Mogwai- A wrenched virile lore

Rock Action / PIAS / Rough Trade
VÖ: 16.11.2012

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Keine Idee zu viel

Tortoises "Rhythms, resolutions and clusters", Tristezas "Mixed signals", nicht zuletzt Morr Musics Slowdive-Hommage "Blue skied an' clear": Als sich um die Jahrtausendwende der Postrock-Zug auf die Bahn schickte, entstand nicht nur einiges zwischen Kraftwerk, Jazz, Krautrock und einer Menge Krach mit Träne im Knopfloch. Denn es gab außerdem als Schmankerl obendrauf: Remix-Alben wie die oben angesprochenen, die nach viel zu viel Grunge, New School Hardcore, Poppunk und überhaupt MTV bitter benötigte Horizonte öffneten. Mit "Kicking a dead pig" waren Mogwai 1998 auch hier ganz vorne mit dabei. Und nicht nur das: Was sie hier unter anderem von den Bandheroen Kevin Shields und Alec Empire anrichten ließen, gab dem Hörer vielleicht nicht unbedingt den Geschmack grenzenloser Freiheit, aber doch das Gefühl, einem Genre mit immensem Spannungspotential zu lauschen. Allein wie Kid Loco all die verschämt depressive Zurückhaltung von "Tracy" zu einem fluffig hüpfenden Instrumental-Pop aufbockte, ist nicht nur heute immer noch jedes Ohr wert, sondern war bereits damals ein Grund, sich in die gerade erst entdeckten Mogwai bis über beide Ohren neuzuverlieben.

Damit die mittlerweile ziemlich alte Liebe gar nicht erst ans Rosten denkt, schieben Mogwai schlanke 14 Jahre später mit "A wrenched virile lore" ihre zweite Remix-Sammlung nach. Damals "Young team", heute "Hardcore will never die, but you will" - es kann natürlich darüber spekuliert werden, ob sich dieses Mogwai-Album genauso zur Nachbearbeitung eignet wie ihr 1997er Debüt. Und es kann auch gefragt werden, ob die heutige Zeit überhaupt die passende ist, um die Tradition wieder aufleben zu lassen. Schließlich ist auch Electro mittlerweile meist nur noch dann wirklich relevant, wenn es sich mit der großen Schwester Pop verbündet und als Einzelkünstler auftritt. Das verflixte Autorenprinzip - früher oder später kriegt es jeden, egal wie viel Multitude und Rave dagegen anschwitzt.

Das passt, denn wirklich spannend quergedacht wird auch auf "A wrenched virile lore" kaum einmal etwas. Selbst wenn Klad Hests Drum'n'Bass-Bearbeitung von "Rano pano" die Snares wie Klimpergeld übers Trottoir jagt, ist das letztlich ein ziemlich redundantes Icon aus dem Genrekatalog, das zwar mit all den weiteren Effekten aus dem Sequencer-Soundarchiv auf dicke Hose macht, dabei aber keineswegs eine Huldigung, Neuorientierung oder Zerstörung des Ausgangsmaterials im Blick hat. Stattdessen ist der wildeste Versuch zugleich die größte Schwachstelle dieses Remix-Albums - sieht man von RM Hubberts Akustikversion von "Mexican Grand Prix" ab, zu der Hubbert halt den Hubbert gibt und einfach so lange drauf los singt und jammt, bis der Song zu einem ziemlich belang- und referenzlosen Etwas heruntergeklampft ist.

Ansonsten aber rafft sich "A wrenched virile lore" zwar nie zu wirklichen Glanztaten auf, solide bis hörenswert ist jedoch vieles. "White noise" etwa nimmt Mogwais Vocoder-Fetisch bierernst und entführt den Song mit seiner Hilfe in einen 1980er-Sci-Fi-Score der Marke Ken Freeman. Das ist zugleich ein kleiner Stinkefinger und eine große Verbeugung. "Letters to the metro" spinnt diesen Faden gar noch ein wenig enger zusammen, während "How to be werewolf" nicht nur ganz wunderbar durch die Bässe und tiefen Mitten pluckert, sondern sogar einige neue Gitarrenfokussierung in den Song schneidet. Und selbst wenn Umbertos "Too raging to cheers" sowie Justin K Broadricks "George Square Thatcher death party" nicht viel mehr einfällt, als Melodien und Betonungen zu sanften Ambient-Indietronics zu verdichten, so ist das zwar nicht wirklich spannungsgeladen, äußerst stimmig aber allemal.

Dennoch ist das Problem dieses nur halb gelungenen Remix-Albums, dass es auf allen Ebenen Clash mit Konsolidierung ersetzt. Waren Postrock und Electro in den 1990er Jahren zwei Genres auf dem Sprung, die sich gegenseitig ihre schönsten Kapriolen vorgaukelten, so haben sich beide heuer teils bis zur äußersten Langeweile stabilisiert. Zudem: Bot die Flächigkeit von "Young team" einst einen ganzen Themenpark an Angriffsfläche, so haben Mogwai ihre Songs inzwischen so sehr verdichtet, dass man kaum noch dazwischen kommt, um Teile gewinnbringend herausbrechen oder umordnen zu können. In Anbetracht dessen macht "A wrenched virile lore" seine Sache alles andere als schlecht. Dennoch haben manche Ideen wohl so sehr ihre Zeit, dass sie im Archiv schon ganz gut aufgehoben sind.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • George Square Thatcher death party (Justin K Broadrick reshape)
  • How to be a werewolf (Xander Harris remix)
  • Letters to the metro (Zombi remix)

Tracklist

  1. George Square Thatcher death party (Justin K Broadrick reshape)
  2. Rano pano (Klad Hest - Mogwai is my dick remix)
  3. White noise (Evp mix by Cylob)
  4. How to be a werewolf (Xander Harris remix)
  5. Letters to the metro (Zombi remix)
  6. Mexican Grand Prix (Reworked by Rm Hubbert)
  7. Rano pano (Tim Hecker remix)
  8. San Pedro (The Soft Moon remix)
  9. Too raging to cheers (Umberto remix)
  10. La mort blanche (Robert Hampson remix)

Gesamtspielzeit: 65:14 min.

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