The Evens - The odds

The Evens- The odds

Dischord / Southern / Cargo
VÖ: 30.11.2012

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Glückliche Menschen

Wer ein Album von Dischord aus dem Regal herausgreift und auf den Plattenteller legt, belohnt sich nicht nur mit der meist grandiosen Musik, sondern gönnt sich immer auch ein Stück ideologischen Überbau. Dischord-Mastermind und Kontrollfreak Ian MacKaye wurde in den 80er-Jahren nicht nur bekannt durch Bands wie Fugazi und Minor Threat, nein, die Hardcore-Bewegung damals war viel mehr. "Straight edge" hieß das Zauberwort. Von der Ideologie blieb die Haltung, sich dem Mainstream nicht zu sehr zu nähern, seine Musik ist nach wie vor großartig. Dies gilt insbesondere für den dritten Anlauf von The Evens, seiner Kollaboration mit Amy Farina. "The odds" ist zwar ein wahrer Anachronismus und poltert ähnlich spröde wie die beiden Vorgänger vor sechs, respektive sieben Jahren, doch so facettenreich, ausgetüftelt und abwechslungsreich kommen keine anderen Duette daher - und vor allem mit so wenigen Mitteln aus.

Was MacKaye und Farina mit Baritongitarre und Drums so verspult auf Parkett und Streckbank zaubern, deutet sich gar nicht erst an. Das Album appelliert mit dem Auftakt von "King of kings" sofort und direkt an Herz und Hirn. Von der ersten bis zur letzten Sekunde ist die Spannung am Anschlag, da muss gar nicht erst ein Psychoanalytiker konsultiert werden. Es ist Farinas Drums und vor allem ihren Gesangsparts zu verdanken, dass neben Haltung und politischen Statements Melodien und Poesie das Geschehen bestimmen. Sie übernimmt anders als auf dem selbstbetitelten Debüt und dem Nachfolger "Get Evens" die ersten Zeilen des Albums. Wenn sie dann am Ende des Eingangssongs "Alarm, unarm, unarm" intoniert, erinnert das ein wenig an "I wait, I wait, I wait" aus dem glorreichen Fugazi-Song "Waiting room". Für Nostalgie ist die Zeit jedoch zu kostbar.

Wie es dann weitergeht, ist offensichtlich. MacKaye stellt gleich im Anschluss daran Aggressivität und unverblümte Sozialkritik in den Mittelpunkt. "Wanted criminals" lässt keine Frage offen. Mehr als nur herausragend wird es stets dann, wenn beide gleichzeitig ihre Genialität symbiotisch zur Schau stellen. Das schon Ende letzten Jahres als Single erhältliche und auf "The odds" ein paar Sekunden kürzere "Warble factor" zeigt die ganze Klasse des Zusammenspiels. Selbstverständlich fügen sie rasante Drum-Intermezzi ein und handeln Zwischenmenschliches und Philosophisches ab. In "Competing with the till" wird dann sogar einmal ein Piano und eine "Pocket trumpet" von Jerry Busher eingestreut. Für den Puristen mag das schon zu viel sein, für alle anderen ist es wohltemperiert.

Einfaches ist leider manchmal komplex. Farina und MacKaye geben sich nun keine Mühe, dies zu leugnen und bauen immer wieder aufs Neue Brüche, Ausbrüche ein und hohe Türme mit einigen gezielten Spitzen auf. Die Pointe bleibt da nicht aus: "The birds don't give a damn about the markets / And the buildings will all come down / The truth is always there beneath the garden / It's perfection perfectly out of line", heißt es in "Let's get well", das den Grenzkonflikt zwischen den USA und Mexiko oder hier konkreter zwischen dem US-amerikanischen und dem mexikanischen Teil Kaliforniens in den Fokus rückt. Musik verhindert zwar kein Unheil und bringt keine Gerechtigkeit, doch steter Tropfen höhlt den Stein. Und Sisyphus muss man sich bekanntlich als glücklichen Menschen vorstellen.

(Carsten Rehbein)

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Highlights

  • King of kings
  • Warble factor
  • Competing with the till
  • Let's get well

Tracklist

  1. King of kings
  2. Wanted criminals
  3. I do myself
  4. Warble factor
  5. Sooner or later
  6. Wonder why
  7. Competing with the till
  8. Broken finger
  9. Architects sleep
  10. Timothy Wright
  11. This other thing
  12. Let's get well
  13. Kok

Gesamtspielzeit: 40:15 min.

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