Benjamin Biolay - Vengeance

Benjamin Biolay- Vengeance

Naïve / Indigo
VÖ: 09.11.2012

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

En garde!

Die französische Sprache hat durchaus ihre Vorzüge - ihr samtweicher Klang verleiht selbst trivialsten Inhalten eine unwiderstehliche Eleganz. Sogar an der Fleischtheke. "Entrecôte" klingt doch nun wirklich erheblich zarter als "Zwischenrippensteak", obwohl es sich um exakt dasselbe Stück vom Rind handelt. Wer jedoch kein Französisch versteht, kann unter Umständen deutlich im Vorteil sein. Etwa, wenn Benjamin Biolay auf seinem siebten Album Rache als "Vengeance" tarnt. Seine außerordentlich verführerisch anmutenden, meist mehr gesprochenen als gesungenen Worte klingen nach intellektuellem Feuerwerk, sprachlicher Raffinesse und gehobener Poesie. Bis man mit dem Diktionär in der Hand feststellen muss, dass "Trésor, je t'aime encore" ja auch bloß "Schatz, ich lieb' Dich immer noch" heißt. Wenn Biolay sich also die Mühe machen würde, den einen oder anderen seiner Texte ins Deutsche zu übersetzen, dürfte Andy Borg ihn schon bald fröhlich im "Musikantenstadl" begrüßen.

Allerdings würde sich schnell herausstellen, dass der Franzose musikalisch derzeit eher ins Discostadl gehört - insbesondere mit synthesizerbegleiteten Liedern wie "Sous le lac gelé", "Marlène déconne" oder "L'insigne honneur". Sein auf "La superbe" plötzlich zum Vorschein gekommenes Faible für New Wave und Hip-Hop-Elemente wird nun konsequent fortgesetzt - auf eine melancholiegetränkte, brokatschwere Klavierballade wartet man dieses Mal also vergeblich. Biolay zieht es vor, mit anderen Stilen zu experimentieren. Aus dem Hip-Hop hat er sich unter anderem die Kollaborationsfreude abgeguckt. Die Hälfte der vierzehn Stücke hat Gastvokalisten zu bieten, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Vanessa Paradis haucht lieblich in "Profite" mit, der lyrisch umstrittene französische Rapper OrelSan verkündet in "Ne regrette rien", dass er Asthma bekommt, wenn Liebe in der Luft liegt, und im Titeltrack gibt sich Biolays Kumpel Carl Barât die Ehre.

Das hübsche "Aime mon amour" verrät Biolays Vorliebe für XTC und The Smiths, und schielt mit seinen Bläsern - die auf "Vengeance" ohnehin eine wichtige Nebenrolle spielen - auch noch in Richtung Northern Soul. In "Le sommeil attendra" schlägt Monsieur vor, erst Liebe zu machen und dann Krieg, und beschwert sich hinterher in "Personne dans mon lit" darüber, dass er nun leider ganz alleine herumliegen muss. Wobei das Einschlafen bei diesem Lied immerhin kein Problem sein dürfte. Mit der argentinischen Chanteuse Sol Sanchez besingt Biolay die Rache auf Spanisch, streift in "Belle époque (Night shop #2)" mit Rapper Oxmo Puccino durchs Nachtleben und tiriliert mit der bezaubernden Julia Stone das niedlich-nostalgische, mit Glockenspiel und schüchternen Streichern verzierte Akustik-Finale "Confettis". Dabei wäre "Fin de la fin", zu Deutsch "Das Ende vom Ende", ein viel passenderes Schluss-Lied gewesen - wenn Biolay die orchestrale Melancholie nicht mit einem seltsamen R'n'B-Damenchor verwürzt hätte. Ohnehin: Auf der Suche nach stilistischer Vielfalt driftet "Vengeance" zu oft in Richtung unentschlossene Belanglosigkeit ab. Sollte man Biolay aber großzügig nachsehen. Schließlich ist Verzeihen nicht nur die beste Rache.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Aime mon amour
  • Confettis (feat. Julia Stone)

Tracklist

  1. Aime mon amour
  2. Profite (feat. Vanessa Paradis)
  3. Le sommeil attendra
  4. Sous le lac gelé (feat. Gesa Hansen)
  5. Venganza (feat. Sol Sanchez)
  6. Marlène déconne
  7. Personne dans mon lit
  8. Ne regrette rien (feat. OrelSan)
  9. Trésor, trésor
  10. Belle époque (Night shop #2) (feat. Oxmo Puccino)
  11. L'insigne honneur
  12. La fin de la fin
  13. Vengeance (feat. Carl Barât)
  14. Confettis (feat. Julia Stone)

Gesamtspielzeit: 56:27 min.

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