Scooter - Music for a big night out

Scooter- Music for a big night out

Sheffield Tunes / Kontor / Edel
VÖ: 02.11.2012

Unsere Bewertung: 1/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

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Wie konnte es nur dazu kommen? Da tauchte nicht nur verwerflicherweise zum ersten Mal in der Geschichte von Plattentests.de ein Scooter-Machwerk nicht nur als Totschlagargument für im Forum herumtrollende Indienazis auf, sondern als Rezensionsgegenstand. Und dann bekam das üble Machwerk tatsächlich eine Bewertung, die besser war als der übliche Joachim-Witt-Verriss. Dabei hat der goldene Reiter doch wenigstens in grauer Vorzeit mal erträgliche Musik gemacht. Und das kann für H.P. Baxxter und seine Angestellten ja nun mal definitiv ausgeschlossen werden. 2012 ist es Zeit, diesen Fehlgriff endlich richtig zu stellen. Und trotzdem führen wir auch für die ostfriesische Landplage nicht einfach mal null Punkte ein. Wicked!

Trotzdem war natürlich alles an Scooter immer schon grundfalsch. Diese hochgespulte ADHS-Attitüde, das ständige Megafon-Geplärre, der an den ausfallenden Haaren herbeigezogene Pseudopunk-Habitus. Es gibt keine einzige Idee, auf die Scooter jemals eigenständig gekommen wären, und jeder mit den gemopsten Melodiefetzen daherkommende Rest an Musikalität wird mit dem Jumpstyle-Panzer niedergemacht. Jedes guttural gerülpste "Yeah!" fräst sich in die überforderten Synapsen der Einfältigen und schmeckt dabei so übel wie nach einer Überdosis frittiertem Fett aufgestoßene Magensäure. Dass der offensichtlichste Nichtsänger der Republik in der Jury einer Casting-Show über das Gesangsvermögen von Menschen urteilt, die im Gegensatz zu ihm wenigstens in Ausnahmefällen echtes Interesse an Musik haben, ist allen jemals erzählten Treppenwitzen peinlich. Und noch immer stiehlt uns der verschissene Rezensent Lebenszeit und schwafelt rum.

Dabei ist eigentlich jeder Satz zu "Music for a big night out", Scooters bereits 17. Studioalbum, schon zu viel. Kaum wird diese Zumutung auf die Menschheit losgelassen, wird jegliche verfügbare Energie für das neongrelle, stroboskopschwangere Gebolze aus der Umgebung abgesaugt. Baxxter glänzt mit wie üblich katastrophal gerappten Slogans, verursacht mit fieser Grammatik Zahnschmerzen, reimt "war" auf "hardcore" und scheitert grauenvoll am Konzept Selbstironie. Das dauergrinsende Vier-Viertel-Nichts ist 1994 bei einem Rave auf üblem Löschpapier hängengeblieben und durchlebt seitdem eine quälende Dauerschleife. Und niemand war so freundlich, Baxxter und seine Marionetten in Richtung Scootersche Pyrotechnik zu schubsen. Das hätte wenigstens Unterhaltungswert gehabt.

Leider stirbt stattdessen jede in dieses schwarze Loch gesaugte Vorlage einen grässlichen Tod. Also wird aus Becks "Loser" das facepalmige "I'm a raver, baby", Beverly Cravens "Promise me" wird für "4 AM" mit Discokugeln und Divageraune gefoltert, und "I wish I was" zerlasert Sandi Thoms gleichnamiges Hippie-Gedudel. Wenn Baxxter dann mit Dubstep-Gekasper sogar noch das ballermannige Niveau der Ram-Jam-Version des Huddie-Ledbetter-Klassikers "Black Betty" mehrere Stockwerke tiefer legt, nötigt einem das fast schon Respekt ab. Scooter gelingt es sogar, selbst den immerhin weitgehend originalgetreu nachgestellten KLF-Klassiker "What time is love?" mit schmierigstem Pillentechno zu meucheln.

Und dann lauert in dieser entsetzlichen Musik für am Existenzminimum ausgehaltene Luftpumpen und Amphetamin-Zombies ein fast schon charmanter Pop-Handstreich. In "Too much silence" hält Baxxter dankenswerterweise die Fresse, und die ewig surrenden Synthesizer beschränken sich auf den Antrieb der schlichten, aber ansatzweise berührenden Melodie. Das ist dann zwar auch wieder nur eine flache Mixtur aus Robert Miles' "Children", Future Pop und 1992er Trance. Aber zum ersten Mal gelingt Scooter tatsächlich etwas, das man ohne spontanen Hautausschlag als Musik bezeichnen kann.

(Oliver Ding)

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Highlights

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Tracklist

  1. Full moon
  2. I'm a raver, baby
  3. Army of hardcore
  4. 4 AM
  5. No way to hide
  6. What time is love?
  7. Overdose [Frazy]
  8. Talk about your life
  9. I wish I was
  10. Black Betty
  11. Too much silence
  12. Last hippie standing

Gesamtspielzeit: 43:33 min.

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