Monokle - Saints

Monokle- Saints

Ki / Kompakt
VÖ: 02.11.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Schmelzende Gletscher

Es ist Mitte Dezember, wenn man sich vor die Tür wagt, dann nur, um Weihnachtsgeschenke oder Lebkuchen zu kaufen, und schon nachmittags werden im Wohnzimmer die Kerzen angezündet. Dann sitzt die ganze Familie in warme Decken gewickelt auf dem Sofa, sieht dem Schnee beim Fallen zu und musiziert gemeinsam. Vati hat seinen Drumcomputer vom Dachboden geholt, Mutti die schönsten Samples auf der Festplatte zusammengesucht und die Kinder haben schon vor Wochen angefangen, brav auf ihren Synthesizern zu üben, damit Oma, wenn sie an Heiligabend zu Besuch kommt, auch was geboten bekommt. Weihnachtslieder mal anders - gar nicht so unrealistisch, wenn man bedenkt, wie vielen Menschen "Stille Nacht" und "Jingle bells" zum Hals raushängen. Fehlen nur noch die Liederbücher, was dann wohl der Part von Monokle wäre.

Aus St. Petersburg stammt Vlad Kudryavtsev, der sich für den dritten Langspieler auf dem jungen deutschen Label Ki verantwortlich zeichnet. Dem Titel dieses insgesamt dritten Monokle-Albums vorzuwerfen, er sei in irgendeiner Form an ein ebenfalls bis zum Erbrechen totgedudeltes und hier nicht näher zu erwähnendes Weihnachtslied angelehnt, ist wohl zu viel des Guten. Die Musik der Platte gehört aber eindeutig in die kalte Jahreszeit und fügt sich damit perfekt ins düster-entrückte Ki-Klangspektrum ein. Monokle drückt brüchige Samples und verwobene Beats in einen Rahmen aus Glitch, Electronica und Ambient und erschafft eine ziemlich intensive Zwielicht-Stimmung.

Zwischen Beats, Samples und Synthesizer mischen sich immer wieder Geräusche, deren Herkunft bestenfalls erahnt werden kann, die aber einen entscheidenden Teil zur Grundstimmung der Platte beitragen. Vollkommene Stille findet sich hier nie, so wie auch in der abgelegensten Winterlandschaft immer irgendetwas zu hören ist, sei es noch so weit entfernt. Aus jener Ferne kommt der Beginn von "Holt found", bevor unruhige Synthies alles Hintergründige überlagern, sich auftürmen und am Ende in sich zusammenfallen wie schmelzende Gletscher. Monokle hat ein sicheres Gespür für effektvolle Kleinigkeiten. Das zeigt er zum Beispiel in "Embers", wenn nach einem über dreieinhalbminütigen Quasi-Intro plötzlich ein Beat einsetzt, der unspektakulärer nicht sein könnte, allein durch sein unvermitteltes Auftauchen aber eine ungeheure Wirkung entfaltet. Kudryavtsev ist Diplom-Psychologe.

Das Highlight der Platte ist die Gesangsnummer "Slower", die mit einem stumpfen Beat beginnt, wabernde Bässe und tänzelnde Synthies gegeneinander ausspielt, und der die hallige Stimme von Nadya Gritskevich das perfekte Schneehäubchen aufsetzt. Zugegeben - "Saints" ist Musik für einen wirklich kalten Advent. Für Blicke aus dem beschlagenen Fenster, für Spaziergänge durch menschenleere Wälder und nicht für X-mas-Partys und Plätzchenbacken. Die Beleuchtung rund um den großen Weihnachtsbaum im Plattentests.de-Hauptquartier basteln wir dieses Jahr dann aus flackernden Bildschirmen und LED-Anzeigen. Kerzen sind doch oldschool.

(Konrad Spremberg)

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Highlights

  • Holt found
  • Slower (feat. Nadya Gritskevich)
  • Embers

Tracklist

  1. Holt found
  2. Glow
  3. Even
  4. Swan
  5. Slower (feat. Nadya Gritskevich)
  6. Homesick
  7. Arrows
  8. Embers
  9. Fever

Gesamtspielzeit: 44:27 min.

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