Fraktus - Millennium Edition

Fraktus- Millennium Edition

Staatsakt / Rough Trade
VÖ: 09.11.2012

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Nicht ihr Ernst

"Na, Du Fotze", sind drei kleine Worte, die in die Musikgeschichte eingehen werden. Drei Worte, mit denen Dickie Schubert seinen ehemaligen Fraktus-Bandkollegen Bernd Wand begrüßt und ihm dabei freundschaftlich in einen besonders schmerzempfindlichen Bereich schlägt. Was sich hier zuträgt, ist nicht nur feinster Pubertätshumor, sondern die Reunion einer Gruppe, die immerhin das Acid-Smiley, die Bassdrum aus "Blue Monday" sowie DJ Ötzis Wollkondommütze zu verantworten hat. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Ist es auch. Fraktus hat es nie gegeben. Doch nun gibt es sie. Mitsamt Kinofilm und Album, die eine bis ins Jahr 1978 zurückreichende Bandhistorie vorgaukeln. Und das durchaus überzeugend.

Die drei Herren hinter Fraktus sind wohlbekannt: Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger alias Studio Braun haben sich in den letzten Jahren vom Telefonstreichtrio zu etablierten Kulturgrößen entwickelt - so ungern sie dies auch hören mögen. Nach Auftritten im Deutschen Schauspielhaus und beachtlichem literarischen Erfolg krempeln sie nun Deutschlands jüngere musikalische Vergangenheit um. Unterstützt werden sie dabei vom großartigen Carsten "Erobique" Meyer, der die Produktionsfäden dieses Albums in den Händen hielt.

Fraktus zerlegen mehrere Jahrzehnte deuscher Popmusik und setzen diese anschließend zu einem hauptsächlich lustigen, aber an einigen Stellen dennoch ernstzunehmenden Album neu zusammen. Dekonstruktion ist ja nicht gleich Destruktion. Um etwas zu zerlegen, muss man schließlich wissen wie das zu Zerlegende zusammengesetzt ist. So haben sich Studio Braun wie der im Film erwähnte "Wühli" so sehr in die Musikgeschichte hineingegraben, dass ihnen die perfekte Illusion gelingt: "Millennium Edition" operiert gekonnt im Dunstkreis von Trio, DAF, Abwärts und Kraftwerk.

"A.D.A.M." hat nicht nur aufgrund seiner Provinzschelte, sondern auch wegen der eingängigen Synthie-Untermalung echtes Hitpotenzial, das darauffolgende "Kleidersammlung" sägt mit Unsinnszeilen und angeblich selbstgebauten Instrumenten dann jedoch penetrant am Nervenkostüm und stößt schnell an die Grenzen der Unhörbarkeit. Die EBM-Anleihen von "Pogomania", die Spannungskurve von "Bombenalarm" und der stampfende Beat von "Untergrund" machen wiederum großen Spaß. Absolutes Highlight ist "Supergau", das mit einem aus "Sonic empire" von Members Of Mayday bekannten Sample beginnt - welches Westbam seinerzeit natürlich von Fraktus geklaut hat. Im weiteren Verlauf hastet der Song mit plakativer Sozialkritik hin zu einem Querflöten-Höhepunkt. Groß!

Ebenso wie "Computerliebe", eine binärcodierte Ballade irgendwo zwischen Embryos "Elektrolurch" und "Robby Roboter" von Das Modul. Und schließlich kommt es, wie es kommen muss bei so einem Comeback: Pop-Schönheitschirurg Alex Christensen von U96 verpasst "Affe sucht Liebe" das chartkompatible Facelifting, wie es sich für Studio Braun als Grenzgänger zwischen Blödsinn und Tiefsinn gehört. Natürlich ist vieles, was auf diesem Album passiert, total Banane. Wie es aber den Verwurstungsapparat Musikindustrie aufs Korn nimmt und dabei Unmengen von Pop-Zitaten durch den Fleischwolf dreht, das hat schon seinen künstlerischen Wert. Die Musikgeschichtsbücher müssen nun zwar nicht neu geschrieben werden, eine lobende Randbemerkung hätten Fraktus jedoch durchaus verdient.

(Marco Wedig)

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Highlights

  • A.D.A.M.
  • Pogomania
  • Supergau
  • Computerliebe

Tracklist

  1. A.D.A.M.
  2. Kleidersammlung
  3. Pogomania
  4. Affe sucht Liebe
  5. Mann
  6. Lady Godiva
  7. Bombenalarm
  8. Jag den Fuchs
  9. Supergau
  10. Untergrund
  11. Computerliebe
  12. Affe sucht Liebe (Alex Christensen Mix)
  13. Horses of fantasy

Gesamtspielzeit: 44:04 min.

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