Ryan Bingham - Tomorrowland

Ryan Bingham- Tomorrowland

Axster Bingham / Al!ve
VÖ: 09.11.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Vom Song zum Album

Es mag unfair sein, den Künstler Ryan Bingham auf einen Song zu reduzieren. Aber dieser eine Song ist nun mal ein Meisterwerk, ein Kleinod amerikanischer Songwriterkunst und völlig zurecht mit dem Oscar belohnt worden. Die Rede ist von "The weary kind", Binghams Beitrag zum Film "Crazy heart", für den Jeff Bridges 2010 ebenfalls mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Bridges hat danach ein Album mit beachtlich guten Country-Songs aufgenommen und wechselt nun auf seiner neuen Platte ins Rockfach.

Weniger Dylan und Cash, mehr Springsteen und Young - so könnte man "Tomorrowland" eigentlich ganz passend zusammenfassen und hätte Ryan Bingham damit - abermals unfairerweise - unter den Legenden nordamerikanischer Rock und Folkmusik begraben. Tatsächlich schlägt sich "Tomorrowland" trotz seiner ausufernden Länge, gerade wegen der völlig unmotivierten Schimpfwörtereinlagen und auch aufgrund seines Abwechslungsreichtums verdammt gut. Für nebenbei ist die Platte nur überhaupt nichts. Wer leicht verdauliche Folkmusik erwartet, verschluckt sich wahrscheinlich schon beim Opener "Beg for broken legs".

Die einleitenden Akkorde und Binghams raue und melancholische Stimme geben sich nicht einmal die Mühe, den Hörer auf die falsche Fährte zu locken. Der Song beginnt schnell, dann setzt ein kreiselndes Rock'n'Roll-Lick ein, und Bingham nörgelt sich mit gereckten Fäusten durch einen angepissten Refrain. Die Violinen in der Bridge sind in ihrer orchestralen Klotzigkeit fast schon zu viel des Guten, aber "Beg for broken legs" funktioniert trotz großer Geste und macht klar: Hier geht es um den Panorama-Blick und nicht um Kammermusik. "Western shore" schreitet getrieben von einer sägenden E-Gitarre sechs Minuten und zunehmend energisch durch nassen Sand. So ein bisschen zurückhaltend klingt das während des ersten Drittels der Platte trotzdem noch alles, auch weil "Flower bomb" ein recht klassischer Protestsong Marke "Ein Mann und seine Gitarre" ist.

Mit "Guess who's knocking" schleppt Bingham dann aber endgültig den Dreck ins Haus. Mit zerdepperten Gitarren schleppt sich der Holzhammer-Blues über die Schwelle: "It's me, motherfucker / I'm knocking on the door." "Heart of rhythm" schlägt in die gleiche Kerbe, legt aber beim Tempo ordentlich zu. Herzstück der Platte ist das achtminütige "Rising of the ghetto", das sich wieder etwas gezügelter gibt. Bingham krächzt allerdings so herzergreifend schief und gebrochen, dass der Song trotzdem der aufwühlendste auf "Tomorrwoland" ist.

Anstatt sich auf der zweiten Hälfte der Platte in noch weitere Experimente zu stürzen, variiert Bingham die bis dahin aufgegriffenen Motive geschickt. In "Never far behind" gibt er sich versöhnlicher, "The road I'm on" ist wunderbar gradliniger Rock'n'Roll, und "Too deep to fill" begibt sich schließlich wieder in die Nähe klassischer Countrymusik. "Tomorrowland" auf einen Song oder auch nur ein Genre zu reduzieren, wäre nicht nur unfair, sondern ist auch unmöglich. Dylan, Springsteen, Young und Cash dürfen sich geehrt fühlen.

(Maik Maerten)

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Highlights

  • Western shore
  • Guess who's knocking
  • Rising of the ghetto

Tracklist

  1. Beg for broken legs
  2. Western shore
  3. Flower bomb
  4. Guess who's knocking
  5. Heart of rhythm
  6. I heard'em say
  7. Rising of the ghetto
  8. No help from God
  9. Keep it together
  10. Never far behind
  11. The road I'm on
  12. Neverending show
  13. Too deep to fill

Gesamtspielzeit: 62:34 min.