Flowerpornoes - Ich liebe Menschen wie Ihr

Flowerpornoes- Ich liebe Menschen wie Ihr

GIM / Intergroove
VÖ: 16.11.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Wir & wir

Erste Worte. Sie können trügerisch sein oder eine Freundschaft fürs Leben einleiten. Bei Tom-Liwa-Platten darf man vieles erwarten, und das gilt natürlich erst recht, wenn sich die Flowerpornoes mit ihrem zweiten Post-Reunion-Album zurückmelden: "Meine Schwester und ich und das Licht über Seeheim / Wir laden uns jemand Gefährlichen zum Tee ein / Verlieben uns Hals über Kopf in ihn / Selber verblüfft, wie verwegen und stolz wir sind." Dass derart verquere Poesie dann auch noch das Sentiment streichelt, liegt an Liwas unkaputtbarer Kleinjungenstimme. Und wohl auch ein wenig an der bei "Chasing cars" entlehnten Melodie. Dass Liwa diesen Snow-Patrol-Song mag, weiß man ja spätestens seit "Eine Liebe ausschließlich".

Doch schnell verweht sich die Erinnerung daran in offenen Moll-Akkorden und wolkigen Chorgesängen der Band. Das Geklingel von "Pazifika" umgarnt Liwas metaphernschwangere Lyrik, die zwischen Downloads, Zaubertricks und Erotik auch noch Platz für Selbstironie findet. Die Konsumkritik von "Saving grace" mündet in einem Gospel für Mama. Wer Liwa dann aufgrund der naturverbundenen Entspannung aus dem Opener "Das Wort Erde" oder der folkigen Verlorenheit "Land" einen Hippie zeihen will, wird sich dennoch kaum seinen Zorn zuziehen.

Liwa singt lieber von verstrahlten Menschen wie Tangerine Tom, der im wunderbaren "Chinese Inca" über die Wohlgerüche von in Wald kopulierenden Bären philosophiert. Er schickt "Chris" Licht auf die dunkle Seite des Mondes und rätselt mit ihm: "Sterne sagt, bin ich glücklich / Oder nur stoned?" Zu mahnendem Mäandern fliegt Liwa mit "Frida" durch die Stadtteile Duisburgs, um sich dann im Tunnel der Karl-Lehr-Straße von ihr zu verabschieden. Kein Wort von der Love Parade, das wäre viel zu konkret für den alten Mystiker. Stattdessen gleitet "Ich liebe Menschen wie Ihr" mit Querverweisen auf Kevin Ayers und Dylan Thomas genüsslich in Richtung Psychedelik, und so huldigen die Flowerpornoes mit verschlepptem Wabern dem "Schlafkönig" oder mantrafizieren ein Kinderlied in den irrlichternden 7/4-Takt von "Papamesaiok": "Ein Männlein steht im Walde, ganz still und stumm / Es ist unglaublich schlau und darum stellt es sich dumm."

Nach der unverhofften Rückkehr mit "Wie oft musst du vor die Wand laufen, bis der Himmel sich auftut?" können die Flowerpornoes also ein zweites Mal ihre erhabene Unfertigkeit rekonstruieren. Das berührende Zerfasern und Ausfransen ihrer Musik beherrscht die Band immer noch. Damals hätten sie sich allerdings kaum an einen reinrassigen Countryschlager gewagt und diesen gar "Country" genannt. Doch wenn Alexandra Gilles-Videla nun mit ihrem klarem Alt Zeilen wie "In mir fließt der endlose Fluss / Statt Blut" singt, spürt man die gleiche zauberhafte Wärme wie damals in "Unten am Fluß" oder "Baumwolldrachen". Und dann verrät Liwa noch den Grund für seine relaxte Entrücktheit: "Sind die Menschen auch seltsam, kein Problem / Die Berge und Flüsse sind schon lange hier / Und werden viel länger bleiben als wir."

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Saving grace
  • Chinese Inca
  • Land
  • Chris

Tracklist

  1. Das Wort Erde
  2. Pazifika
  3. Saving grace
  4. Gültiger Fahrschein
  5. Chinese Inca
  6. Hutcha
  7. Papamesaiok
  8. Strophe & Refrain
  9. Land
  10. Chris
  11. Frida
  12. Country
  13. Schlafkönig
  14. Teil zwei

Gesamtspielzeit: 61:13 min.

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