Daisy Chapman - Shameless winter

Daisy Chapman- Shameless winter

Songs & Whispers / Cargo
VÖ: 09.11.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Voll ausgeschöpft

Mehr Druck gab es defintiv bei Scarlatti Tilt, für deren "Gathering of the haunted" Daisy Chapman auch mal missgelaunt mit Bass und Schlagzeug herumrumpelte und -pumpelte. Und mehr mentalen Druck als Crippled Black Phoenix, denen Chapman einige Jahre lang Klavier, Live-Präsenz und Background-Gesang lieh, kann man natürlich ohnehin nicht aufbauen. Entsprechend beeindruckend ist aber "Shameless winter", Chapmans Zweitwerk als nur sie alleine (plus Gastmusiker). Denn hier gelingt ihr definitiv ein eigener, nichtsdestotrotz altbewährter Zungenschlag. Da ist es postwendend egal, dass sie solo bislang vor allem durch das x-te Cover von Leonard Cohens "Hallelujah" auf sich aufmerksam machte. Oder auf "Shameless winter" Smashing Pumpkins' "Disarm" hinterherschickt - eine nicht minder klare und perfekte Umarbeitung für Klavier und Stimme. As simple as that? Ja, im Grunde durchaus.

Dennoch muss man wissen, worauf man sich bei "Shameless winter" einlässt - nämlich auf Piano-Pop zwischen Walzer-Auftakt, Lagerfeuer-Wimmergeigen und einigen elegischeren, harmonisch simpleren Songs. Befeuert wird das durch zwischen den Dreiklängen wie Sprühregenkaskaden umherwehende Klaviernoten. Durch eine Produktion, die warm ist, akzentuiert und mollig. Durch Standbässe, Besenschlagzeug, aber auch durch einige eher beatorientierte Stücke. Außerdem durch eine Stimme, die große Töne zu spucken weiß - wenn Chapman nicht stets konzentriert und friedfertig, ja gar im vollen Tröstergestus intonieren würde. Sowie durch die Reminiszenz von "The gentleman in 13B", die sich hochwillkommen in Scarlatti Tilts "The insect's party" einschreibt. Und nicht zuletzt durch einige Textpassagen, die sich durchaus christlich erweckt zeigen.

Fern vom Melancholie-Thriller-Score ist das nie - ein Umstand, der sich als zusätzliches Plus von "Shameless winter" entpuppt. Obwohl in Rhythmus, Harmonik oder Melodie kaum einmal gebrochen, hat Chapman dennoch genügend düstere Stimmungen im Herzen, dass die Radio-Falle stets daneben packt. Vor allem aber ist es höchst unterhaltsam, genau dabei zuzuhören - und wichtig für den unwahrscheinlichen Fall, dass einen all die Dramatik doch einmal auf dem falschen Fuß erwischen sollte. Doch wie sollte sie, wenn in "Mrs. Hart's premonition" für eine knappe Minute Geige, Bass und Schlagzeug hereinrumpeln, nachdem Chapman zuvor noch die zerrütteteste Ehe zu Herzklopfen, tiefen Blicken und gehaltenen Händen animiert hat? Wenn "The life of Mary May" für seinen New-Orleans-Grabesgesang ausschließlich ein paar blasse Herztöne als musikalische Untermalung wählt? Und es gleich darauf zum instrumentalen "The hangman's waltz" derart eindrücklich über die Viersaiter winselt, dass es eben auch Chapman die Sprache verschlägt und sie sich lieber zu einem Mafia-Epos-Thema emporklimpert?

Zumal die eigentliche Glanztat dann immer noch aussteht: "The girl in Hannover" ist ein zitterndes, unfassbar rundes Heimweh-Gebet, mutmaßlich im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Chapman schmiedet es mit Stimme und Klavier erneut perfekt zusammen und degradiert dadurch eben selbst das vorangestellte "Disarm" zu einer, natürlich äußert entzückend gespielten, Bridge. Nein, die Kraft von anderen braucht Chapman wahrlich nicht - aus welchen Sphären die auch immer stammen mag.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • The gentleman in 13B
  • Mrs. Hart's premonition
  • The life of Mary May
  • The girl in Hannover

Tracklist

  1. Shameless winter
  2. Better me
  3. The gentleman in 13B
  4. Jealous angels
  5. Mrs. Hart's premonition
  6. The life of Mary May
  7. The hangman's waltz
  8. A sinner song
  9. Disarm
  10. The girl in Hannover

Gesamtspielzeit: 52:39 min.