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Wilco - Yankee hotel foxtrot

Wilco- Yankee hotel foxtrot

Nonesuch / Warner
VÖ: 23.04.2002

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Zimmer frei

"Kann man ein Leben in Hotels überleben?" Diese Frage stellte sich vor einiger Zeit der amerikanische Autor John Irving. Zwischen skurrilen Figuren und völlig absurden Begebenheiten ließ er Lacher und Tränen Hand in Hand gehen. Ähnlich tragikomisch wirkt die jüngere Geschichte der Chicagoer Americana-Helden Wilco.

Mit Alben wie "Summerteeth" und "Being there" verwischten sie die Grenzen zwischen den Schubladen Rock, Country und Folk und verrührten die Sägespäne zu herzergreifenden Melodien. Doch statt endlich die von ihrem Label erwünschte "Killersingle" unters Volk zu bringen, kam der Vierer um Jeff Tweedy als nächstes plötzlich mit einem sperrigen Etwas von Album an. Irgendeinem Anzugträger paßte das erwartungsgemäß weniger, und schon fanden sich Wilco ohne Plattenvertrag wieder. Also wurde "Yankee hotel foxtrot" kurzerhand übers Internet vertickt, bis schließlich ein neues Label auf die Scheibe aufmerksam wurde. Wo der Witz an der Geschichte ist? Nun, das neue Label ist rein zufällig Tochter des gleichen Majors wie das alte ...

Als hätte Tweedy die Irrungen und Wirrungen geahnt, zeigen sich Songs wie "I am trying to break your heart" oder "Poor places" innerlich zerrissen. "Let's forget about the tongue-tied lightning / Let's undress just like cross-eyed strangers." Worte voller Zärtlichkeit und doch voller Zweifel. "All my lies are only wishes" stellt Tweedy fest und ist doch so nah an den kleinen Wahrheiten, die Herzen brechen können. "Distance has a way / Of making love understandable." Tweedys Stimme säuselt, krächzt und flüstert. Vom Schlafzimmer zum Beichtstuhl. Was ja oft genug das gleiche ist.

Zwischen Tweedys Innen- und Außenansichten fransen die Songs, die gerade noch voller Erhabenheit strahlten, plötzlich aus. Jim O'Rourke, der schon mit Gastr Del Sol die ruhigen Momente behutsam zu zerlegen wußte, stand aber keineswegs nur mit dem Seziermesser am Mischpult. In den herunter getropften Kleinigkeiten entdeckt er immer wieder neues Glitzern genau dort, wo andere ihre Abfälle entsorgen würden. Klirrendes Glas, Leierkästen, Waschbretter, Topfdeckel, verstimmte Klaviere. Wo Gefühle wanken, taumeln auch die Arrangements.

Beinahe wäre auch die Band ins Schwanken gekommen, verlor man doch auf dem Weg neben Schlagzeuger Ken Coomer auch noch Multiinstrumentalist Jay Bennett, der sich gerade zum zweiten kreativen Kopf gemausert hatte. Doch mit der Transparenz der Klänge wird der Verlust zum Gewinn. Und vom Erlös scheint sich Tweedy jede Menge Ohrwürmer geleistet zu haben. Auf dem Weg durch sein skurriles Hotel begegnen ihm allerlei Verschrobenheiten des Alltags. Schwermut greift nach Songs wie "Ashes of American flags" oder "Radio cure". Beim gelösten "I'm the man who loves you" und vor allem dem albernen "Heavy metal drummer" jedoch hüpft der Schalk im Nacken herum. "I miss the innocence I've known / Playing Kiss covers beautiful and stoned." Da freut man sich schon darauf, welche Abseitigkeit hinter der nächsten Tür wartet, und klopft gespannt an.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • I am trying to break your heart
  • Jesus, etc.
  • Ashes of American flags
  • Heavy metal drummer

Tracklist

  1. I am trying to break your heart
  2. Kamera
  3. Radio cure
  4. War on war
  5. Jesus, etc.
  6. Ashes of American flags
  7. Heavy metal drummer
  8. I'm the man who loves you
  9. Pot kettle black
  10. Poor places
  11. Reservations

Gesamtspielzeit: 51:49 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

dreckskerl

Postings: 11916

Registriert seit 09.12.2014

2025-10-05 20:32:25 Uhr
Für mich ist dann doch "A Ghost s born" einen Tick weiter vorn und "Sky, blue sky" ganz knapp dahinter, aber was für ein Lauf.
Der beste der 00er. Noch vor Radiohead und Weakerthans

Vive

Postings: 1460

Registriert seit 26.11.2019

2025-10-05 18:32:30 Uhr
jesus etc ist für mich immer noch einer der go to songs bei traurigkeit

Enrico Palazzo

Postings: 8694

Registriert seit 22.08.2019

2025-10-05 17:43:13 Uhr
Ich finde es auch großartig, für mich das beste von Wilco und damals auch mein erster Kontakt mit der Band zur VÖ. Bis heute zählt der Opener zu meinen liebsten Wilco-Songs.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 36665

Registriert seit 07.06.2013

2025-10-05 17:39:08 Uhr
Die Texte sind auch so gut. Passen wunderbar zur zerstückelten und surrealen Atmosphäre des Albums. Hach, was ein Meisterwerk.

dreckskerl

Postings: 11916

Registriert seit 09.12.2014

2025-10-05 17:30:43 Uhr
ich auch vorgestern...im Rahmen der sehr schwierigen Aufgabe die 00er Alben von Wilco untereinender und im Album Thread zu platzieren...es ist schon verdammt gut, wie Machina sagt, dieser ganz eigene Sound und ein paar unfassbar große Songs
Zum kompletten Thread

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