Aerosmith - Music from another dimension

Aerosmith- Music from another dimension

Columbia / Sony
VÖ: 02.11.2012

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Klingeling

Kuhglocken. Es müssen natürlich Kuhglocken sein. Die fünfzehnte Aerosmith-Platte "Music from another dimension" hat sich gerade warmgesemmelt, die Einflugschneise zur ersten richtigen Glamballade noch immer nicht gefunden, da gibt die Glocke den Takt vor. Sänger Steven Tyler, mit Jahrgang 1948 mittlerweile zu alt, um eine Coverversion des Beatles-Klassikers "When I'm sixty-four" anzustimmen, mimt mit seinem enormen Organ wieder die Rockmusik gewordene menschliche Zieharmonika. Er öffnet seinen gewaltigen Mund, die Sehnen in seinen Mundwinkeln dehnen sich wie Gummibänder, er singt, schnurrt, kreischt - und duelliert sich hörbar in seinem Element mit seinem ewigen Lebensabschnittspartner Joe Perry, der im Takt von Schlagzeug und Glocke in die Saiten seiner Gitarre greift, als sei sie ein Tüte voller verblasster Dia-Aufnahmen: bei jedem Griff eine freudige Überraschung, bei jedem Griff eine süße Erinnerung an Tage, die längst hinter allen liegen. Hinter Tyler und Perry. Aber auch hinter Aerosmith. Auf vielerlei Arten ist es fast ein Wunder, dass in "Out go the lights" noch einmal die Kuhglocken, Tyler und Perry zu hören sind. Oder dass es diese erste brandneue Aerosmith-Platte seit gut zwei Fußball-WMs überhaupt gibt. Wenn schon kein Wunder, dann zumindest aber: das Ende einer langen Odyssee.

Wenig veranschaulicht das Dilemma ambivalenter als ein Moment im Sommer 2010. Am 17. August des Jahres machten Aerosmith auf Tour Zwischenstopp im Air Canada Centre in Toronto, Ontario. Mit "Train kept a-rollin'" hatten sie soeben Blues-Musiker Tiny Bradshaw gecovert, und während des darauf folgenden Setlist-Klassikers "Love is an elevator" vom "Pump"-Album passiert es: Perry und Tyler stelzen nach vierzig gemeinsamen Jahren zusammen über den Catwalk der Bühne, Perry greift in seine Gitarre, Tyler schickt den altbekannten Refrain des Gassenhauers in die x-te Verlängerung. Dann ein kleiner Schubs von Perry. Steven Tyler fällt vom Catwalk, landet aber weich in den Armen eines erschrockenen Publikums, the show can go on. Alles nur Spaß, so stellen es beide später dar. Anderen erscheint es wie die Episode einer Trennungsgeschichte, die sich schon länger abzeichnet. Denn Tyler forciert seit Beginn des Jahres öffentlich eine Solokarriere und einen Platz bei "American Idol". Und Perry kokettiert öffentlich damit, Tyler in der Band zu ersetzen.

Zwei Jahre später erscheint das fast ein wenig wie ein PR-Gag, wie ein Jux unter Vollprofis, die nach vierzig Jahren gelernt haben, wie man mit den Medien spielt, für Gesprächsstoff sorgt und somit im Rampenlicht bleibt. Im Mai 2012 ist Tyler nämlich längst Bestandteil der Show "American Idol" - eine Art U.S.-Bohlen, der sich allerdings meist nicht für seine eigene Musik rechtfertigen muss, wenn er in einer Talentshow die Klappe aufreißt. In der letzten Sendung der Staffel wechselt er von seinem Richtersessel vor der Showbühne zum Platz aller Gerichteten direkt auf der Bühne, lädt seine Mitmusiker von Aerosmith dazu ein - und in Eintracht spielen sie "Legendary child", einen stramm gezogenen Aerosmith-Rocksong mit hoch melodiösen Glamgitarren und zugleich die Leadsingle der hier vorliegenden Platte. Wenig später künden Aerosmith "Music from another dimension" an, ein Album, das seit Jahren geplant war, zwischen das allerdings bislang die Superstaregos der Bandmitglieder, Touren, Wehwechen, Verschleißerscheinungen und Entziehungskuren gekommen waren. Und Tyler hört auf mit "American Idol", denn für ihn sei Aerosmith jetzt wieder genau sein Ding.

Ob das nun bloß professionell ist oder wirkliche Leidenschaft: "Music from another dimension" ist nicht die Aerosmith-Platte, die man später noch dankbaren Urenkeln vererben könnte. Dafür ist der Fundus an Füllstoff und Redundanzen zu groß, aus dem sie sich bedient wie eine Plattenfirma am unendlichen Bottich voller B-Seiten, Livemitschnitte und Kuriositäten für Weihnachts-Best-ofs. Das zackig gespielte "Street Jesus" etwa schicken Aerosmith über fast sieben Minuten ein paarmal zuviel in seinen abgestandenen Refrain, das seifig-schmierige "Beautiful" ist vermutlich nur mit drauf, weil es von Tylers Tochter Mia stimmlich begleitet wird, und in "We all fall down" versteigen sich Aerosmith in eine Ballade, die man nicht mal Bryan Adams an den Hals wünschen würde. Meistens sind Aerosmith wie K.I.T.T aus der U.S.-Serie Knight Rider: Irgendwie ein wenig aus der Zeit gefallen, aber trotzdem selbst nach Totalschaden nicht unterzukriegen. Unterhaltsam dabei: Wie Aerosmith im von Joe Perrry gesungenen "Freedom fighter" jenseits der Sechzig noch einmal aufsatteln, ihre Colts durchladen und den vermeintlichen Gaststar Johnny Depp zur Nebenattraktion degradieren, die zwischendurch mal "Woah, woah, woah!" machen darf. Auf die Glocke, Johnny! Jetzt schlägt's fünfzehn.

(Sven Cadario)

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Highlights

  • Out go the lights
  • Freedom fighter

Tracklist

  1. LUV XXX
  2. Oh yeah
  3. Beautiful
  4. Tell me
  5. Out go the lights
  6. Legendary child
  7. What could have been love
  8. Street Jesus
  9. Can't stop loving you
  10. Lover alot
  11. We all fall down
  12. Freedom fighter
  13. Closer
  14. Something
  15. Another last goodbye

Gesamtspielzeit: 67:59 min.

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