Neurosis - Honor found in decay

Neurosis- Honor found in decay

Neurot / Cargo
VÖ: 26.10.2012

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Gesichter des Todes

Scott Kelly ist der Mann der vielen Gesichter. Wenn er solo unterwegs ist, füllt er meist ganz alleine eine Bühne aus, hat oft eine Truckerkappe tief in die Stirn gezogen - und dreht seiner Akustikgitarre den Hals um. Mit seinem Kumpel Scott Weinrich (The Obsessed, Probot), bildet er die Sludge-Band Shrinebuilder, investiert nebenbei Zeit in diverse Nebenprojekte, steuert regelmäßig ein bisschen Gutes zu Mastodon-Platten bei. Im Zentrum von allem aber stehen Neurosis. Und es ist kein Wunder, dass Neurosis die Band der vielen Gesichter ist: Gitarrist und Mitsänger Steve Von Till ist nicht minder umtriebig, spielt ebenfalls nebenbei solo und ist im wirklichen Leben Grundschullehrer. Keyboarder Noah Landis betreibt neben der Band ein kleines Aufnahmestudio in Oakland, das Neurosis-Logo ist nach wie vor ein beliebtes Motiv auf Shirts von Musikern. Keine drei Reverb-Schleifen und Synthesizer-Geisterstunden hält es Neurosis' neue Platte "Honor found in decay" aus. Dann platzt es raus aus Steve Von Till - ein Gitarrenriff, so stilbildend wie der Tiki-Taka-Fußball von Barcelona. Fast einen ganzen Song lang wird er es durchhalten, in endlose Schleifen schicken, Takte zersägen, mürbe spielen. Dann sind Neurosis am Ende. Und beginnen das Spiel von vorn.

Der Opener ist so etwas wie eine Blaupause für "Honor found in decay": Die meisten der sieben Songs beginnen verhalten wie ein Regenschauer im Frühling, um sich gegen Ende in Donnerwettern zu entladen. Bei "At the well" croont Scott Kellys Gruftstimme zunächst über Pickings, "All is found in time" begrüßt Neurosis-Hörer mit Keyboard-Akkordeons. Und verglichen mit dem, was im Rest der Nummer passiert, sind die kaum zu fassenden Wabergitarren zum Startschuss von "My heart for deliverance" ein Kinderspiel. Danach bleibt Neurosis oft reichlich Zeit, richtig loszulegen: Bis zu zehn Minuten lang kitzeln sie an den Synapsen ihrer Hörer, jammen nach bald dreißig Jahren wie wild entschlossene Debütanten und pinseln in einem Meisterwerk namens "Bleeding the pigs" gar derart verstörende Klangbilder, dass sie einem kunstvollen Dario-Argento-Giallo aus den 1970er Jahren glatt die Show stehlen könnten. Alles franst und ufert gewaltig aus: die Gitarren, die dröhnen, wie unter einer Glocke eingespielt. Die Stücke, die jedes für sich mal nach Weltuntergang und mal nach Sonnenaufgang klingen. Die Platte, die auch nach sechzig Minuten mehr Fragen offenlässt, als sie beantwortet. Ein surrealer Fiebertraum in Technicolor.

Dass das wieder einmal hervorragend funktioniert, hat auch mit der Geschichte von Neurosis zu tun: Als Band mit Punk- und DIY-Hintergrund sind sie keine selbstverliebten Mucker mit der Zwangsneurose, sich selbst etwas beweisen zu müssen. Sie sind trotz der überlebensgroßen Strukturen auf "Honor found in decay" Bauchmusiker geblieben. Wie in einer Jamsession passiert das Meiste auf diesem Album in impulsiven Schüben. Wenn sich das vorhin erwähnte meisterliche "Bleeding the pigs" am Ende selbst zerlegt, hat es sich bereits über mehrere Songabschnitte voller oszillierender Synthesizer und zorniger Männerstimmen selbst berauscht. Und wenn "Raise the dawn" die Platte mit Adagio-Celli beendet, bleibt nichts zurück - keine Band, kein weiterer Song, vielleicht nicht mal eine Welt, die verfallen, die untergehen oder auf der eine Sonne aufgehen könnte. Es ist die Stille nach dem ultimativen Schluss: "Death was my first companion / It showed me life and it snuffed it out", hat Scott Kelly zu Beginn von "We all rage in gold" durch seinen mittlerweile grau gewordenen Kräuselbart ins Mikrofon gegruftet. Diesmal kannte der Mann mit den vielen Gesichtern nur eines: ein schmerzverzerrtes.

(Sven Cadario)

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Highlights

  • We all rage in gold
  • Bleeding the pigs
  • All is found...in time

Tracklist

  1. We all rage in gold
  2. At the well
  3. My heart for deliverance
  4. Bleeding the pigs
  5. Casting of the ages
  6. All is found... in time
  7. Raise the dawn

Gesamtspielzeit: 60:47 min.

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