Godspeed You! Black Emperor - 'Allelujah! Don't Bend. Ascend.

Godspeed You! Black Emperor- 'Allelujah! Don't Bend. Ascend.

Constellation / Southern / Cargo
VÖ: 19.10.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die postapokalyptischen Fighter

Die Crux mit der Postapokalypse: dass sie neben einer Menge Leben, Zivilisation und guter Manieren in der Regel auch die Politik vom Erdenrund rasiert hat. Stattdessen gibt es eine Menge Chaos, Anarchie, schlechte Luft und alle hundert Meter eine Lederjacken-Gerberei. So jedenfalls denkt man sich das seit Mad Max und Epigonen. Musik, die mit eben jener Nachzeit etikettiert wird, hat somit von vornherein ein Problem mit ihrer politischen Relevanz. Retteten sich Swans auf "The seer" aus dem Dilemma, indem sie einfach einen tiefschwarzen Romantizismus zusammenarrangierten, ist die Situation für Godspeed You! Black Emperor weitaus verfahrener. Seit Jahr und Tag proklamieren die neun Montrealer ihre Musik als Faustschlag auf die runden Tische der Macht - klingen dabei aber, als seien eben diese Tische schon längst in atomares Flirren zerstäubt worden.

Auf "'Allelujah! Don't Bend. Ascend." hat sich daran zunächst kaum etwas geändert. Während ihrer zehnjährigen Aufnahmepause sind Godspeed You! Black Emperor weder versöhnlich noch wankelmütig oder gar milde geworden. Bereits die Covergestaltung strotzt erneut vor auf den ersten Blick beziehungslosen Botschaften, die wie von zukünftigen Archäologen als dräuende Zeichen des Untergangs rekonstruiert werden müssen - oder eben von postapokalyptischen Wanderern als Endzeit-Graffitis unter Krähengebrüll vom staubigen Wegesrand geklaubt werden. Ausgerichtet um das gleichseitige Dreieck mit den Eckpunkten "Bucket-wire", "Dung" und "God's pee", geht es um die Niederschlagung von Studentenprotesten, Kriegsschauplätze, Massenmörder und manches mehr, was die Welt dem Abgrund näher bringt. Wer auch immer dann verloren hat - Godspeed You! Black Emperor spendieren ihm/ihr mit "'Allelujah! Don't Bend. Ascend." einmal mehr die perfekte Ausmarschmusik.

"Mladic" und "We drift like worried fire" - seit geraumer Zeit unter anderen Namen und nicht festgenagelten Arrangements von diversen Live-Bootlegs bekannt - bilden den Kern dieses 50-minütigen Weltuntergangs-Parcours. An der Oberfläche sind dies wohl zwei der straightesten Kompositionen, die Godspeed You! Black Emperor je geschrieben haben. Allerdings stecken Tod und Teufel auch hier - wie immer - in einer Menge Details. Dennoch: Waren die Kanadier einst Mitbegründer des Postrock mit einem unverkennbaren, eigenen und stilbildenden Zungenschlag, so gibt "Mladic" einer unbändigen Noiserock-Sturmwolke Platz, die sie erstmals deutlich in Richtung ihrer Glasgower Genre-Kollegen Mogwai schiebt. Ganz in deren Sinne lässt das Stück für die Dauer seiner 20 Minuten kaum einmal nach. Verdichtet sich mittendrin zu einem von tief grollenden Bassfrequenzen befeuerten Noise-Metal. Bringt seine orientalischen Leadgitarren wie gespannte Nervenstränge zum Zerreißen. Zerbricht nur ganz kurz an seinen Streichern, zieht dann aber in einen beinahe doomigen Groove hinein und verabschiedet sich schließlich in allerlei Feedback.

Auch "We drift like worried fire" zeigt sich irgendwann unerbittlich, baut jedoch deutlich intensiver auf Elegie und Melancholie. Da sechzehnteln die Gitarren im Oldschool-Modus, Piano-Eintakter spielen Engelchen und Teufelchen, Streicher streichen alles um sie herum blutrot, schneeweiß, goldgelb. Auf diese Weise expandiert der Song bis zur Raubein-Balladenreife und legt nach zehn Minuten einen altbewährten Bauchklatscher hin. Von hier aus bauen ihn Godspeed You! Black Emperor in aller gebotenen Ruhe in einen anderen, schnelleren Takt hinein neu auf, bis schließlich die Streicher wieder streichen, die Bässe vibrieren und die Gitarren dispergieren, dass es eine Art hat. Und zwar letztlich doch eine sehr spezielle: Natürlich hört man mit jeder Note, welche Band hier ins Bockshorn stößt. Allerdings transportiert sich die Stimmung schon längst nicht mehr durch Westernwüsten-Unterproduktion wie beim Frühwerk oder durch Songverläufe, denen man sich auch nach dem hundertsten Hören einfach hingeben musste, weil nichts wirklich voraussagbar schien.

Im Gegensatz dazu ist auf "'Allelujah! Don't Bend. Ascend." alles an seinem Platz. Der Druck ist zu groß, es darf teils bleischwer gerockt werden. Auch die Drones und Geräuschstudien von "Their helicopters' sing" und "Strung like lights at thee printemps erable" zeigen deutlich darauf, was nach diesen Songs zu erwarten ist: eine kahlrasierte Erde, auf der die Erinnerung an Leben, Zivilisation und gute Manieren bloß noch durch Boden und Luft bebt, surrt und schwirrt, jedoch nicht mehr fassbar gemacht werden kann. Und wenn "Mladic" mit einigen Takten topfgeschlagener und rasselnder Katzenmusik endet, so ist auch diese altehrwürdige Protestform zwar ein Licht am Horizont - als solches aber auch nur Vorbote eines weiteren Atompilzes. Den einst so reizvollen, urplötzlichen Sprung in die Realität schaffen Godspeed You! Black Emperor damit jedenfalls nicht. Doch wer will es schon der Endzeit verdenken, wenn eine Ebene weniger oder mehr fehlt.

(Tobias Hinrichs)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Mladic
  • We drift like worried fire

Tracklist

  1. Mladic
  2. Their helicopters' sing
  3. We drift like worried fire
  4. Strung like lights at thee printemps erable

Gesamtspielzeit: 53:10 min.

Bestellen bei Amazon

Threads im Plattentests.de-Forum