Martha Wainwright - Come home to mama

Martha Wainwright- Come home to mama

V2 / Cooperative / Universal
VÖ: 26.10.2012

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Eine Frage der Ehe

Brad Albetta kriegt sein Leben kräftig um die Ohren gehauen. Von links, von rechts, von hinten und direkt ins Gesicht. Zwar hatte eigentlich seine Ehefrau, Martha Wainwright, auf ihrem zweiten Album "I know you're married but I've got feelings too" gemahnt, mittlerweile könnte diese Aussage allerdings eher von Albetta stammen. Was der auf "Come home to mama" einstecken muss, ist beträchtlich - auch wenn er es hätte wissen müssen: Eine Wainwright verarbeitet private Konflikte traditionell in Songs, und zwar ungeschminkt und schonungslos. "The seven year itch is quite a bitch", faucht Wainwright schon im Opener "I am sorry". Im hervorragenden "Can you believe it?" heißt es dann mit dezent ironischem Unterton "I really like the make-up sex / It's the only kind I ever get", und ein paar Lieder später zieht sie sogar in Erwägung, ihren Mann zu verlassen: "Maybe I should leave tomorrow / And set you free by the morning light." In "All your clothes", einem imaginären Gespräch mit ihrer verstorbenen Mutter, der Folk-Sängerin Kate McGarrigle, bestätigt Wainwright dann unverblümt die naheliegende Vermutung gewisser Eheprobleme: "The baby's doing fine / My marriage is failing / But I keep trying." Und Albetta zupft auf dem Album trotz allem tapfer den Bass.

Produziert hat er dieses Mal allerdings nicht, sondern die japanische Multi-Instrumentalistin Yuka Honda. Angeblich, weil "Come home to mama" eine explizit feminine Note verliehen werden sollte, was bei einem, man verzeihe diese Klatschblatt-Vokabel, Vollweib wie Wainwright ohnehin vollkommen unnötig ist. Die Arrangements klingen hier und da vielleicht ein wenig verspielter, etwa bei "Leave behind", aber ansonsten: kein großer Unterschied zum maskulin produzierten Vorgänger. Eines muss man Honda jedoch lassen: Sie hat ausgezeichnete Kontakte. Eingespielt wurde "Come home to mama" im Heimstudio ihres Ex-Freundes Sean Lennon, und auch ihr Gatte, Wilco-Gitarrist Nels Cline, war maßgeblich an den Aufnahmen beteiligt. Vom klassischen Folk hat Wainwright sich weitgehend abgewandt, zu Gunsten einer deutlich popmusikalischer orientierten Emanzipation. Ihre selbstbewusste Eigenständigkeit unterstreicht sie in "I am sorry" mit Schrammelgitarre und Rumpelschlagzeug, ihre zweifelsohne gigantische Stimme ist sowieso grenzenlos. Aber manchmal auch etwas zu überambitioniert - wie in "I wanna make an arrest", das dafür immerhin unerwartet funky klingt.

Es ist ein bisschen schade und bewegend zugleich, dass der mit Abstand beste Song auf Wainwrights neuem Album nicht, wie die neun anderen, von ihr selbst geschrieben wurde. Das elegische "Proserpina", eine von der römischen Mythologie inspirierte Mutter-Tochter-Geschichte, war McGarrigles letzte Komposition. Ohne zu zögern hat Wainwright das Erbe angetreten und das Lied schon kurz nach dem Tod ihrer Mutter aufgenommen - nicht bloß eine würdevolle Hommage, sondern eine unfassbare Version der Piano-Ballade. Die Streicher sind herzzerreißend, der Chor ergreifend, aber Wainwrights Stimme und die Art, wie sie himmelhohe Emotionen in Musik übersetzt, sind nicht weniger als umwerfend. Und trösten über das eher mediokre "Radio star" oder den gewöhnungsbedürftigen Achtziger-Jahre-Computerspiel-Synthie-Sound von "Four black sheep" hinweg. Während Bruder Rufus auf seinem aktuellen Album "Out of the game" seiner Tochter den Song "Montauk" widmete, hat Wainwright für ihren Sohn das Stück "Everything wrong" geschrieben - halb Selbsterkenntnis, halb Liebesbeweis, zwischen Festhalten und Loslassen: "I am only a stepping stone / For you to get where you must go." Wainwright hingegen hat längst keine Hilfe mehr nötig. Sie ist auf dem Weg. Vorerst noch mit Albetta.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Can you believe it?
  • Proserpina
  • Everything wrong

Tracklist

  1. I am sorry
  2. Can you believe it?
  3. Radio star
  4. Proserpina
  5. Leave behind
  6. Four black sheep
  7. Some people
  8. I wanna make an arrest
  9. All your clothes
  10. Everything wrong

Gesamtspielzeit: 38:23 min.

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