Menomena - Moms

Menomena- Moms

Barsuk / Al!ve
VÖ: 19.10.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Kein Sättigungsgefühl

Die Produktion eines Menomena-Albums war schon immer derart eigen, dass das Gesamtsystem zu kollabieren drohte, sobald auch nur ein Arbeitsschritt verändert wurde. Eingedenk dessen ist es schon ein kleines Wunder, dass das Portlander Ex-Trio den Ausstieg von Gründungsmitglied Brent Knopf überhaupt weggesteckt hat. Denn mitgenommen hat Knopf neben seinem nicht eben geringen Kreativitätsinput auch das eigens für Menomena geschriebene Programm "Deeler". Eben dieses war vier Alben lang das Herzstück des Menomena-Aufnahmeprozesses: nicht nur ein enorm fix arbeitender Sequencer, sondern auch ein Archivsystem, das die von den Bandmitgliedern eingespielten Spuren automatisiert nach Loopstrukturen sortierte - und somit eine Musik-Sammlung bereitstellte, aus der sich Menomena auch Jahre später noch versorgen konnten.

Obwohl vor den Aufnahmen zu "Moms" die Menomena-Welt also einigermaßen auf den Kopf gestellt wurde, hat ihr Fünftwerk dennoch einige ihrer prägendsten Icons mit an Bord - ganz so, als hätten sich Spencer Harris und Danny Seim einfach weiterhin am eigenen Pattern-Fundus bedient. Die Gitarren schneiden scharf, und die Klaviere perlen stets im Konterrhythmus durch die Arrangements. Die Beats schreddern über die Becken und Snares, drücken aber tief durch die Bassfrequenzen. Und die Bässe rollen auf dicken Puschen durch allerlei Slides, Tempo- und Betonungswechsel, während sich die Riffs wie bei "Tantalus" schon mal über acht Takte erstrecken. Im Grunde aber beherrscht "Moms" neben den unterschiedlichen Stimmen von Harris und Seim - nach wie vor ein grundentspannter, nur wenig selbstverliebter Anthony Kiedis der eine, ein grundentspannter, nur wenig selbstverliebter Nick Cave der andere - vor allem ein tief groovender, flüssiger Vibe, der mal mehr Soul, mal mehr Funk oder Sixties-Pop durch eine Armada an unterem Midtempo schiebt.

Während sich "Plumage" noch durch kratzig versponnenen 70ies-Rock der Marke Field Music hämmert, nehmen die verwaschen Surf-Punk-Akkorde zum Intro und späteren Gitarrenschläge von "Capsule" zwar den Faden auf, rumpeln zu Seims' Stimme jedoch bereits durch einen abgedunkelteren Hallraum, in dem auch einige Flötenskalen eher Atmosphäre machen als Statements abgeben. Das folgende "Pique" findet sich dann erstmals vollständig beim Grundtenor der Platte ein: Schlagzeug und Bass bilden eine zähflüssige, doch ungemein geschmeidige Masse, die den gesamten Rest des Instrumentenparks umschließt und mit sich nimmt - immer weiter den glitzernden, von Baritonsaxophonen aufgeschäumten Fluss hinab. Auf diesem Weg rutscht "Moms" fortan unaufhaltsam voran. Stets elegant, edel arrangiert und mit genug spannungsgeladenen Teilchen, dass etwa bei "Giftshoppe" dank pumpender Krautrhythmen und ansprechend sägender Gitarren nie Langeweile aufkommt.

Thematisch wird die Ausrichtung von "Moms" jedoch weniger deutlich. Ein Konzeptalbum über Mutterschaft, das letztlich nicht mehr sein kann als ein Album über zwei Söhne zweier Mütter, oder auch: der eine vom Vater verlassen, der andere allein mit dem Vater seit der Adoleszenz. Ja, darin stecken mehr Diskursfallen, als selbst Menomena geahnt haben mögen. Zumal der Verdacht naheliegt, dass Harris und Seim diese Verluste einfach als Deckerinnerung über den der jüngeren Bandgeschichte geschoben haben. Für alles andere hat "Moms" auch zu wenig Trauer und Pathos mit an Bord: Allein zum abschließenden Zehnminüter "One horse" sitzen die Klavierakkorde wie dicke Wassertropfen auf jeder Viertelnote, und die Streichersätze beschleunigen zwar den Takt, sind aber auch ganz großes Drama, baby. Ansonsten aber schichtet "Moms" seine Thematik zu einem Spiegelbild seiner Musik übereinander. Widersprüchlich, doch konsistent. Sich ergänzend und doch beinahe selbst aufhebend. "I was a monster once / But now I'm calm / Cause now I'm fed." Das Gute an "Moms": Menomena glauben das selber nicht.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Plumage
  • Pique
  • Giftshoppe
  • Skintercourse

Tracklist

  1. Plumage
  2. Capsule
  3. Pique
  4. Baton
  5. Heavy is as heavy does
  6. Giftshoppe
  7. Skintercourse
  8. Tantalus
  9. Don't mess with latexas
  10. One horse
  11. Pique (Clean version)
  12. Heavy is as heavy does (Clean version)
  13. Giftshoppe (Clean version)
  14. Skintercourse (Clean version)

Gesamtspielzeit: 68:05 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

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Registriert seit 07.06.2013

2015-09-18 17:08:32 Uhr
Ja, die Pfarmers ist ganz nett. Will trotzdem lieber ne neue Menomena.

saihttam

Postings: 1083

Registriert seit 15.06.2013

2015-04-05 15:35:27 Uhr
Das Debüt ist auch wirklich ziemlich toll. Allein The Late Great Libido ist ein Traum. Hat ansonsten ziemlich eigenwillige Songs am Start, in die man sich wahrscheinlich erst mal ein bisschen einhören muss.

Übrigens, am 12. Mai kommt ein Gemeinschaftsalbum von Danny Seim und Bryan Devendorf unter dem Bandnamen Pfarmers. Ich habe gerade eben mal einen entsprechenden Thread aufgemacht. Das bestätigt zwar die Theorie eines kleinen hiatus. Aber man hat ja dann Ersatz.

The MACHINA of God

Postings: 9406

Registriert seit 07.06.2013

2015-04-05 13:47:05 Uhr
Das hör ich mir jetzt auch mal an, Spotify sei Dank.

noise

Postings: 584

Registriert seit 15.06.2013

2015-04-05 10:52:17 Uhr
Das Original, schön als Buch aufgemacht mit so ner Art "Fingerkino", gibt es schon lange nicht mehr.
Habe eine Version von 2011 im einfachen Klappschuber. Nennt sich "I Am The Fun Blame Monster + The B-Sides". Sind 9(!) Bonus Tracks (Spielzeit insges. 76:46 min.) drauf, die durchaus Qualität haben. Plus 1 DVD mit merkwürdigen Showauftritten. Schon länger nicht gesehen, fand ich damals aber nicht so toll.

Mr. Fritte

Postings: 180

Registriert seit 14.06.2013

2015-04-05 02:01:18 Uhr
Das ist das Debutalbum. Gab es eine Weile lang glaube ich gar nicht mehr physisch zu kaufen, ist aber vor zwei Jahren oder so wieder neu veröffentlicht worden. Und es ist wirklich sehr, sehr gut! Ob es jetzt besser oder schlechter ist als Mines, weiß ich auch nicht, ist aber ja auch eigentlich egal. Die Alben sind auf jeden Fall sehr unterschiedlich, aber eben beide auf ihre Art großartig. Unbedingt anhören auf jeden Fall! :)
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