Converge - All we love we leave behind

Converge- All we love we leave behind

Epitaph / Indigo
VÖ: 05.10.2012

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Backpfeifen-Armada

Jacob Bannon ist tot - oder sieht zumindest so aus. Gerade hat der Sänger von Converge die letzten Takte seiner Band erfolgreich niedergebrüllt, sich den letzten Schweiß aus der Stirn geschnippt - und anschließend all die Gäste verabschiedet, die sich in den Godcity Studios zu Salem, Massachussets eingefunden hatten. Hände wurden geschüttelt, gelacht, getanzt, Rabatz gemacht. Ganz so, als hätten Converge eine Geburtstagsparty geschmissen statt gemeinsam mit den vielen Gastmusikern ihre epochale Wutprobe "Axe to fall" aufzunehmen. Es ist Sommer 2009, es ist geschafft. Jetzt muss sich Bannon, der für so viel Urgewalt eigentlich viel zu schmal geraten ist, erst mal durchschütteln. Und durchatmen.

Im Frühjahr 2012 das gleiche Bild: Wieder haben sich Converge verausgabt, haben Songs geschrieben, die sie als Verschleißtest für Instrumente an Instrumentenhersteller vermarkten könnten. Und wieder rasselt Jacob Bannon erst mal durch. Aber irgendwas ist anders an diesem Tag im Februar. Gäste hat in Gitarrist Kurt Ballous Godcity Studios in den letzten Wochen niemand kommen und gehen sehen. Dabei hätten Converge diesmal tatsächlich etwas zu Feiern gehabt (dazu später mehr). Auch Bannon endlich wieder, der während der Aufnahmen unter anderem die Trauer über den Tod seines Hundes zu Klumpen verarbeitet. Aber trotzdem: Sektempfang und Schnittchen gab es nicht. Gastmusiker genauso wenig. Converge haben sich getroffen, losgerifft und losgekotzt.

Herum kamen erste Skizzen zu späteren Manifesten wie dem Titelsong, Griffbrettübungen wie "Glacial pace". Dann ging es schnell, so heißt es: zack, zack, zack, die Platte war im Kasten. Wer deshalb vermutet, "All we love we leave behind" müsse so unspektakulär wie seine Aufnahmen sein, der irrt. Und zwar so, wie es sich bei Converge gehört: gewaltig. Bannon tut es nicht zum ersten Mal bei Converge: Er schockt Horden von Fans, die sich daran gewöhnt haben, seine Zeilen im Booklet nachlesen zu müssen. Bannon singt. Klar und deutlich. Gleich im ersten Song auf "All we love we leave behind", der bereits vorab als Appetitschnittchen durchs Internet gereicht wurde, Reaktionen provozierte und Reaktionen auslöste. Grund war nicht nur der dazugehörige Clip zu "Aimless arrow", in dem ein verstörter Bogenschütze einen unschuldigen Jungen zu einem Soundtrack direkt aus der Hölle durch einen Geisterwald scheucht - weiter, immer weiter, einem Ende mit Twist und Schlagzeugsalven wie Kalaschnikows entgegen. Grund war auch der Sound dazu, der mal wieder bockte, in eine Schublade gequetscht zu werden. War das jetzt eigentlich noch Mathcore? Schon Psychometal? Gerade noch Drone? Jedenfalls war es: garantiert mal wieder kein typischer Converge-Song. Bedürfnisse befriedigen und sich an Fanwunschlisten abarbeiten machen schon andere.

So ist es auch nicht schwer verwunderlich, dass "All we love we leave behind" weit weniger aufgeräumt ist als das bewundernswerte "Axe to fall". In jeder dringend benötigten Ruhepause, zwischen all den Hassklumpen auf dieser Platte, möchte man als Hörer selbst anlegen, ist versucht, zu Wischmop und Feger zu greifen. Um die Scherben aufzukehren und die Blutflecken zu kaschieren, die Converge einfach haben liegen lassen. Und danach das Fenster zu öffnen, um den Geruch von abgestandenem Männerschweiß zu vertreiben. "All we love we leave behind" ist roh - so roh und ungeschönt, wie es normalerweise eine Hardcore-Liveshow ist. Es gibt keine Trigger-Effekte, mit denen sich Metalcore regelmäßig um seinen nicht mehr vorhandenen Ruf bringt, keine Kompression, mit der sich renommierte Produzenten als Handwerker mit Bauerntricks entlarven. Und kaum Pinkelpausen mittendrin.

In "Tender abuse" und "Trespasses" verteilen Converge mit so halsbrecherischem Tempo eine Armada an Backpfeifen, dass man sich fragt, ob sie diese Platte auf Promotion-Tour nicht noch bereuen könnten. Zwischen beiden: Kaum Platz für Ansagen mehr. Erst etwas später lehnen sich Converge zurück, verbimsen in "Coral blue" Drone und Metal, zählen in "Predatory glow" kaum einmal geradeaus bis vier durch, und sind dort trotzdem griffig wie selten gehört. "Ich war noch nie Fans von Bands, die ihre Jubiläen feiern. Ich feiere lieber, weiter relevant zu sein", sagte Jacob Bannon kürzlich in einem Interview. Der Grund: Seit mehr als 20 Jahren sind Converge mit ihrem rasenden Synapsen-Pogo das schlechte Gewissen für ideenlose Hardcorebands. Die Überdosis "Atmungsaktiv" nach jeder nach Schema Nullachtfünfzehn deklinierten Metalplatte. Der Furunkel am Po von arschlosen Ja-Sagern. Schmerzlichen Glückwunsch!

(Sven Cadario)

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Highlights

  • Aimless arrow
  • Tender abuse
  • Predatory glow

Tracklist

  1. Aimless arrow
  2. Trespasses
  3. Tender abuse
  4. Sadness comes home
  5. Empty on the inside
  6. Sparrow's fal
  7. Glacial pace
  8. Vicious muse
  9. Veins and vails
  10. Coral blue
  11. Shame in the way
  12. Precipice
  13. All we love we leave behind
  14. Predatory glow

Gesamtspielzeit: 38:32 min.

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Affengitarre

Postings: 3055

Registriert seit 23.07.2014

2017-12-28 16:52:01 Uhr
Wirklich sehr fantastisch, gefällt mir auch ein Stück besser als die beiden davor.

MartinS

Postings: 489

Registriert seit 31.10.2013

2017-12-28 16:40:00 Uhr
Ey, Orphi hat seinerzeit entschieden, dass das Ding mit seinem Sony mp3-Player auf 15/30 zu laut abgemischt klingt, also ist das auch so!
Super Album, immer noch.
mememe
2017-12-27 22:27:01 Uhr
AWLWLB war auch mein Einstiegsalbum. Mein erster Kontakt mit Converge war allerdings 'Axe to Fall'. Ich habe es damals aber nicht verstanden. AWLWLB hat mit seiner "Eingängigkeit" für mich die Tür in die Welt von Converge geöffnet. Und dafür bin ich so dankbar!

Übrigens, der witzigste Teil dieses Threads befasst sich mit der Produktion dieses und anderer Coverge Alben. Wenn es irgendetwas gibt, wofür Coverge-Alben, musikgeschmacks-übergreifend spätestens seit "Jane Doe" respektiert, ja beneidet werden, dann ist das die außergewöhnlich gute Produktion. Nicht umsonst ist Kurt Ballou einer der gefragtesten Produzenten unserer Zeit im Metal- und Hardcore-Bereich.

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2015-10-31 11:42:09 Uhr
Leicht verdaulich trifft es. Ist ja auch mit unter 40 Minuten recht kurz. Ich mag den Vorgänger dennoch etwas mehr. Band ist sowieso großartig.

Affengitarre

Postings: 3055

Registriert seit 23.07.2014

2015-10-30 17:56:02 Uhr
Partyalbum ist bei Converge ein recht unpassender Begriff ;) Aber ja, schon sehr geil. War mein erstes Convergealbum, nachdem ich auf "Trespasses" gestoßen bin und dank der leichteren Verdaulichkeit im Vergleich zum Rest war es ein perfekter Einstieg. Hier passt alles irgendwie herrlich zusammen, ein Song fließt in den nächsten. Beim Titeltrack bekomme ich immer noch Gänsehaut.
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