Seeed - Seeed

Seeed- Seeed

Downbeat / Warner
VÖ: 28.09.2012

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Schwarzer Peter

Hat es irgendjemand geschafft, konkrete Erwartungen an das neue Seeed-Album zu formulieren? Nach sieben Jahren? Die elfköpfige Band, die ab 1998 ernstzunehmenden Dub, Reggae und Dancehall mit deutschen Texten versah, von Berlin aus in die Welt schickte und damit eine kleine Revolution lostrat, kommt mit einer neuen Platte um die Ecke, die eigentlich gar nicht anders kann, als zu polarisieren. Klang der Erstling "New dubby conquerors" noch sehr reduziert und handgemacht, wurde schon auf "Music monks" eine Entwicklung in Richtung eines sehr breiten Sounds hörbar, der spätestens auf "Next!" ein Stück über das Ziel hinausschoss. Auch beim vierten Album ist die Produktion astrein und inszeniert die elf Musiker mit angemessener Wucht - lässt das Ganze bei aller Kraft aber noch stärker als bisher etwas nach Schönheits-OP klingen.

Und dabei geht manches unter: Zwar leisten sich die Berliner noch immer den Luxus eines Percussionisten, für die feinen Geräuschspielereien von Alfi Trowers ist auf dem neuen Werk aber kaum noch Platz. Und die eigentlich tighten Bläser, live inzwischen sogar zu viert, sind teilweise so überproduziert, dass sie sich von Synthie-Hooks nicht mehr merklich unterscheiden. Obwohl Seeed oft genug bewiesen haben, dass man gerade auch mit elf Musikern und noch wesentlich mehr Instrumenten einen superinteressanten Sound kreieren kann, klingt das neue Album über weite Strecken zu undifferenziert. Von "Freshness, die fresher als der ranzige Rest ist", war früher jedenfalls mehr zu spüren. Da ist die Single "Beautiful": eine treibende Popnummer in Big-Band-Sound, mit der Seeed von vornherein klarstellen, dass sie sich entwickelt haben - in welche Richtung auch immer. "Deine Zeit" und "Augenbling" legen schon eher Vergleiche nahe - allerdings weniger mit vergangenen Seeed-Alben, sondern vielmehr mit "Stadtaffe", der wahnsinnig erfolgreichen Peter-Fox-Soloplatte.

Doch der Vergleich hinkt: "Seeed" kommt weder musikalisch, noch inhaltlich an "Stadtaffe" heran. Trotzdem ist "Deine Zeit" mit sehr präsentem Schlagzeug und eingängigem Refrain auch textlich eine der stärkeren Nummern und orientiert sich deutlich an Fox' Solosound. Es geht aber leider auch ganz anders: "Bitte komm' vorbei, ruinier meinen Tag / Mach dich frei, Baby, wir feiern hart" - bei "Waste my time" ist der Name Programm. Doch es wird noch flacher, denn dann kommt "Seeeds Haus" und feiert grölend den absoluten Tiefpunkt der Platte. Dieser Komasauf-Track ist ohne einen Schluck aus der Pulle kaum zu ertragen und wirft die Frage auf, welcher Dancehall Caballero die Band hier geritten hat. Dann lieber zurück zum Ohrwurm "You & I", dem deutlichsten Ausflug in Reggae-Gefilde, in denen sich die Berliner merklich zu Hause fühlen. Oder zu "Lovelee", einer zwar pathetischen, aber doch gelungenen Soulnummer.

Seeed vorzuwerfen, sie klängen nicht mehr wie Seeed, ist gängige Praxis, aber Quatsch. Hätten sie sich nicht entwickelt, wäre genau das Kritikpunkt Nummer eins und wohl die weitaus schlechtere Alternative gewesen. Müsste sich "Seeed" nicht mit den ersten drei Alben vergleichen lassen, würden die neuen Songs noch einiges mehr hermachen, denn auch wenn die Band schwächelt, strotzt sie noch immer vor großer handwerklicher Professionalität. Das Showtreppen-Feuerwerk, das sie in "Beautiful" abbrennen, mag Fans von Songs wie "Riddim No. 1" enttäuschen und qualitativ dahinter zurückbleiben - schlecht ist es deswegen aber noch längst nicht. Trotzdem bleibt festzuhalten: In ihren ersten Jahren waren Seeed am besten - zumindest im Studio. Live ist dieses kleine Orchester nämlich nach wie vor unübertroffen - vor allem unter Open-Air-Bedingungen. "Seeeds Haus" muss also zum Glück niemand betreten.

(Konrad Spremberg)

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Highlights

  • Deine Zeit
  • You & I
  • Lovelee

Tracklist

  1. Beautiful
  2. Deine Zeit
  3. Feel for you
  4. Augenbling
  5. You & I
  6. Waste my time
  7. Seeeds Haus
  8. Elephants
  9. Lovelee
  10. Wonderful life
  11. Molotov
  12. Beautiful (Reprise)

Gesamtspielzeit: 38:55 min.

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