Amanda Palmer & The Grand Theft Orchestra - Theatre is evil

Amanda Palmer & The Grand Theft Orchestra- Theatre is evil

8ft. / Cooking Vinyl / Indigo
VÖ: 14.09.2012

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Vorhang auf!

"Die erste Regel des Theaters ist die, dass es keine Regeln gibt." Dieses hübsche Zitat stammt zwar von dem italienischen Autor und Regisseur Dario Fo, hätte aber auch sehr gut aus dem dramatisch dunkelrot geschminkten Mund von Amanda Palmer kommen können. Denn auf "Theatre is evil", ihrem zweiten Solo-Studiowerk nach dem 2010 erschienenen und von Ben Folds produzierten "Who killed Amanda Palmer", geht es außerordentlich anarchisch zu. Palmer hält sich an absolut gar nichts, was eine Plattenfirma gut meinend geraten hätte. Mit anderen Worten: keine Konventionen, keine Vernunftskalkulationen - kein Wunder, dass sie diese illustre Sammlung exzessiven Liedguts in Eigenregie, auf ihrem eigenen Label 8ft. veröffentlicht. Finanziert von einer mächtigen Horde ergebener Fans, die Palmer via Crowdfunding nicht nur die angestrebten 100.000 US-Dollar bescherten, sondern mehr als das Zehnfache: 1.192.793 US-Dollar, um genau zu sein. In Rekordzeit.

Apropos "Rekordzeit": Auf "Theatre is evil" wird die CD-Spielzeit genüsslich beinahe ausgeschöpft. Man kann sich bei einer Tracklist von 15 Stücken, darunter ein 19-sekündiges Intro und eine zweiminütige Pausenmusik, ausrechnen, dass Palmer auch auf übersichtliche Songlängen milde lächelnd pfeift. Unter vier Minuten geht gar nichts, gerne werden ihre musikalischen Inszenierungen auch auf sechs oder sieben Minuten gedehnt. Das Kuriose dabei ist jedoch: Nichts erscheint überflüssig oder gar unnötig in die Länge gezogen. Das liegt nicht zuletzt an den hervorragenden Texten, die zwischen den Zeilen ganze Literaturfestivals zelebrieren, natürlich ohne Genehmigung des Ordnungsamtes. Da ist zum Beispiel die herzzerreißend hingewalzerte Klaviernummer "The bed song", in der Palmer die zunächst hoffnungsvoll knospende Romanze zweier Menschen nachzeichnet, die irgendwann in eine jäh verblühende Ehe mündet und schließlich in einem Doppelgrab unter einem Kirschbaum endet - "You and me / Lying the only way we know / Side by side and still and cold."

Es sind oft ganz einfache, aber gerade deswegen so ergreifende Bilder, dargeboten von einer in jeglicher Hinsicht grenzenlosen Sängerin, die gleichzeitig auch eine ausgezeichnete Darstellerin ist. Und ehemalige Stripperin - wovon die Mittlerweile-Gattin des Science-Fiction-Autors Neil Gaiman im fantastischen "Berlin", so ihr einstiger Bühnenname, einiges zu erzählen hat. Palmer macht jedes Milieu zu einem Zuhause - mal schnurrend, mal zähnefletschend, immer kuss- und beißecht. Als soundästhetische Vorbilder diente dieses Mal allerdings weniger das einst bei The Dresden Dolls übliche Punk-Cabaret-Flair, sondern New Wave und Bands wie My Bloody Valentine oder Swans. Der höchst kompetente Produzent und The-Paper-Chase-Frontmann John Congleton wurde erfolgreich mit der Aufgabe betraut, eine Wall-of-sound aus ungezügelten Gitarren und lasziven Synthesizern zu erschaffen. Auch Palmers Mitmusiker Jherek Bischoff, Michael McQuilken und Chad Raines erwiesen sich als erstklassige Komplizen - besonders erstaunlich ist es also nicht, dass "Theatre is evil" viel eher nach einem Bandalbum als nach einem Solowerk klingt.

Schon für "Smile (Pictures or it didn't happen)" scheinen handelsübliche Lautsprecher irgendwie zu klein zu sein. Überschwang und Opulenz, Nebelmaschinen und Schweißfilm, Hedonismus und Breitbildformat: "The light's amazing, man / So time your instagram!" Wobei man sich im Folgenden weniger auf das Visuelle konzentrieren sollte, die Ohren haben schließlich genügend zu verarbeiten - nämlich mal eben vier himmelhohe Hits hintereinander. Das unverschämt eingängige "The killing type", bei dem Palmer in Richtung The Cars und Gary Numan zwinkert, die ungestüme Punk-Glamrock-Explosion "Do it with a rockstar", das von wohlgenährten Synthesizern eröffnete "Want it back" und schließlich das nach dahinschmelzendem Achtziger-Jahre-Kunststoff klingende "Grown man cry", irgendwo zwischen Depeche Modes "Violator" und The Cures "Disintegration". Die Songqualität bleibt auch in der zweiten Albumhälfte herausragend, insbesondere der Zuckerwatten-Synthiepop von "Bottomfeeder" sei hier neben "The bed song" und "Berlin" erwähnt. Henry Miller verkündete einst: "Ein Theaterstück, selbst ein zorniges, ist unter anderem immer auch ein Liebesbrief, gerichtet an die Welt, von der sehnsüchtig eine liebevolle Antwort erhofft wird." Hiermit versandt. Kuss!

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • The killing type
  • Do it with a rockstar
  • Want it back
  • The bed song
  • Berlin

Tracklist

  1. Meow Meow introduces The Grand Theft Orchestra
  2. Smile (Pictures or it didn't happen)
  3. The killing type
  4. Do it with a rockstar
  5. Want it back
  6. Grown man cry
  7. Trout heart replica
  8. A Grand Theft intermission
  9. Lost
  10. Bottomfeeder
  11. The bed song
  12. Massachusetts Avenue
  13. Melody Dean
  14. Berlin
  15. Olly Olly Oxen Free

Gesamtspielzeit: 71:23 min.

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