Kreidler - Den

Kreidler- Den

Bureau B / Indigo
VÖ: 05.10.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Spex sells

Bands, die eine eigene Webseite auf spex.de innehaben, bringt man outer dieses sehr speziellen Webspace ja nur zu gerne eine gehörige Portion Skepsis entgegen. So auch Kreidler, die auf eben jener Seite mehr und interessantere Informationen preisgeben als sonst irgendwo im Sonstewo. Seilschaften steht da drauf und, urggs, "Kunst" wohl ohnehin. Da braucht es noch nicht einmal "Hipster" als Schmähruf der Nochniewasversteher, denn es erklärt sich scheinbar alles von selbst. Dass Kreidler mehr anzubieten haben, wurde dabei vom Rest der Musikjournaille nur zu gern vergessen - und teils, so konnte das scheinen, auch von ihnen selbst.

Tatsächlich aber bespielen die Düsseldorfer seit den nach wie vor fantastischen "Weekend" und "Appearance and the park" Postrock-Gefilde, wie sie einst gedacht waren - als ein sanft pulsierender Raum des "Zwischen". Zwischen digital und analog, Akustik und Elektronik, krautigem Trip und einem dekonstruktiven, dann wieder atmosphärischen Weltmusik-Mäandern setzt auch "Den" seine Versuchsanordnungen an. Bei der Frage, wohin es sie treibt, vertrauen Kreidler auch diesmal wieder ebenso auf Muckertum und Kifferblick wie auf die Sonderschichten im Pattern-Hochbaugewerbe. Von der Polyrhythmik des Vorgängers "Tank" ist hingegen oftmals nur ein zwischen den Vierteln sitzendes elektronisches Tschirpen, sind ein paar Poings oder Plops geblieben. Doch mehr braucht es auch nicht. Der Groove findet sich ganz von allein.

So bereits im Opener "Sun", dessen Zwischen sich zu mehreren sanft kaskadierenden Rhythmusfiguren beim Sonnenaufgang, zu den untergeschobenen Keyboardflächen hingegen beim Sonnenuntergang einfindet - bis sich ab Minute drei alles derart verdichtet, dass das Schlagzeug zwar Äquator sagt, die tickernden Gitarren hingegen im Meridian kreuzen. "Deadwringer" bespielt demgegenüber eher Großstadtballaden-Lichtermeere mit genau aufeinander abgestimmten Bass- und Bassdrumfrequenzen für die schwebende Tiefenschwärze und Jazzdelay auf den Gitarren für die verschwitzten Sommernächte, schließlich aber auch mit sanftem Uptempo für den Schlurfgang am Nachtclub vorbei.

Apropos: Dass der Proto-Funk von "Rote Wüste" schon auf der Platte mit Störfrequenzen und tonalen Breaks zu einem multidimensionalen Melodienmeer aufgebockt wird, dabei aber im Grunde ganz brav bleibt, dürfte sich live weniger rächen, als es zunächst den Anschein hat. Denn stets hatten Kreidler auch Songs im Aufgebot, die erst auf der Bühne volle Präsenz entwickeln, dann aber ein erfreulich offensives Gesicht zeigen. Das irgendwann im Red-Snapper-Groove voranschreitende "Rote Wüste" gehört hier ebenso dazu wie "Moth race" oder "Cascade". Doch spätestens, wenn sich zum abschließenden "Winter" dispergierende Feedbacks in Maschinengewehr-Samples und Mouse-On-Mars-Electro auflösen, weiß niemand mehr, was der Songtitel jetzt eigentlich transportieren will.

Egal, denn: Jeder Spex-Redakteur hat sicherlich bessere Diskurse anzubieten, um aus all dem irgendwas Hyperdiskursives im Sonstewo herauszupressen. Mit dem x-ten Aufguss von Tocotronic-Folkrock schaffen sie es schließlich auch. Was hiermit, ganz recht, nicht das Geringste zu tun hat. Doch uns reicht ohnehin der Spaß an einer Platte, die im ureigenen Kreidler-Jargon kraftwerkseidank kaum überrascht und über den Zustand der Welt auch nicht mehr zu berichten weiß als: Mit "Den" lässt sich einiges davon ganz wunderbar aushalten. Wer mehr will - Kreidler sind auch dazu nach wie vor sicherlich bereit.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Sun
  • Deadwringer
  • Rote Wüste

Tracklist

  1. Sun
  2. Deadwringer
  3. Rote Wüste
  4. Cascade
  5. Moth race
  6. Celtic ghosts
  7. Winter

Gesamtspielzeit: 39:00 min.

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