Rich Aucoin - We're all dying to live

Rich Aucoin- We're all dying to live

Platinum / Sonic / Cargo
VÖ: 28.09.2012

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Die große Blase

Das Gegenteil von Verstand ist übrigens Musik. Wenn Du Dich nicht fragst, warum Du es zulässt, dass sich Dein Hirn mit dem kommunikativen Abfall vermeintlich gesellschaftskritischer Gesprächstherapien befasst und Du allen Ernstes glaubst, dass durch einen unglücklichen Zufall mit Prominenz versehene Schauspieler aufgrund ihrer halbwegs intellektuellen Verhaltensauffälligkeit etwas mit Bedeutung beizutragen haben, dann wirst Du es auch nicht bemerken, wenn einigermaßen begabte Musikinterpreten küchenphilosophische Allgemeinplätze wie "Thinking about death is also thinking about how great life is." von sich geben und rund um diese mentale Notstandserklärung ein ähnlich betiteltes Album stricken. Wie erging es Deinem Verstand bei diesem Satz?

Musiker aller Couleur nehmen unter den Expertendarstellern des Unterhaltungssystems eine Sonderstellung ein. Was bei Redegewandten klappt, funktioniert bei ihnen erst recht: Der Inhalt wird automatisch gut, wenn der Ton stimmt. Das scheint vor allem dann zu gelten, wenn die (be-)stimmenden Töne besonders zahlreich sind. Das Gebrauchtideenkontor von Rich Aucoin ist voll davon. Rekordverdächtig voll. 500 Mitwirkende mussten es schon sein. Ein Doppelalbum, bestehend aus EP und LP, mit 22 Songs, deren Titellängen das Normalmaß sprengen. Und sowieso: nur die besten Referenzen. Am Finanzmarkt käme nun akuter Blasenverdacht auf, was freilich niemanden davon abhalten würde, mit dem Pusten aufzuhören. Fast könnte "We're all dying to live" als Luftnummer durchgehen, würde sie sich nicht hervorragend ins hirneigene Vakuum einfügen, das mit Songs wie "It" einfach mal gestopft werden muss. Frag nach bei Rewe, wo man einen Schnipsel für die Werbung nutzte.

Bei diesem Album drängen sich schon wegen des Covers Vergleiche zu Sufjan Stevens geradezu auf, gefolgt von der Frage, welches Ausmaß an Hilflosigkeit nötig ist, um sie anzustellen. Na, zumindest in puncto Ambitionen nehmen sich beide nicht viel. Und so unerschöpflich wie dessen "Illinois" wirkt "We're all dying to live" während der ersten Umdrehungen allemal, wobei ein gewisser Abnutzungseffekt allerdings deutlich früher einsetzt. Natürlich grübelt man schon bei "Brian Wilson is A.L.i.V.E." von Anfang an darüber, auf welchen der letzten 100 konsumierten Alben dieser Beat wohl ausnahmsweise nicht zu hören war, aber das hält nicht davon ab, gerade jetzt die Anlage lauter zu drehen. Rich Aucoin spielt äußerst versiert auf der Klaviatur niederer Instinkte. Folgerichtig wird es irrelevant, wie uncool die meisten Songs betitelt sind und wie unnötig die Zwischenspiele mehrheitlich wirken.

Sei es "The morning becomes eclectic overture" oder "Dying to live" - das geistige Auge sieht, was die Legende besagt: Rich Aucoin einmal quer durch Kanada radelnd und jeden gesammelten Eindruck in einen Ton verwandelnd. Prätentiös und aufgeblasen mag das Album wirken, aber auch so üppig, abwechslungsreich und schillernd wie ein kompletter Radiosender. Und wenn die Platte dank voreingestellter Endlosschleife von Neuem beginnt, fragt man sich zwar reflexartig, ob man seine Zeit nicht sinnvoller verschwenden sollte. Aber der unweigerlich einsetzende Zustand freudiger Erregung bläst jeden Zweifel umgehend hinweg.

(André Schuder)

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Highlights

  • It
  • Brian Wilson is A.L.I.V.E. (All living instantly vanquish everything)

Tracklist

  1. The morning becomes eclectic overture
  2. All you cannot live without
  3. Being in need of something
  4. Even if all your friends abandon you SMiLE
  5. Brian Wilson is A.L.I.V.E. (All living instantly vanquish everything)
  6. We're all slaves to the two-four
  7. Only the little creatures know
  8. It
  9. The greatest secret in the world
  10. Watching ice station zebra for the 151st
  11. P:U:S:H
  12. We must imagine sisyphus/Ourselves happy
  13. 1929-1971
  14. Watching, wishing, waiting
  15. Please give this to Seymour Stein
  16. Hope for the flowers
  17. Undead pt. 1 - estrangement
  18. Undead pt. 2 - reconciliation
  19. Watching Herzog and listening to the idiot
  20. Living to die
  21. Dying to live
  22. 500 people talking

Gesamtspielzeit: 55:21 min.

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