Aimee Mann - Charmer

Aimee Mann- Charmer

V2 Benelux / Soulfood
VÖ: 21.09.2012

Unsere Bewertung: 3/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Miste in der Kiste

Wer wollte damals eigentlich ans Höschen von Aimee Mann? Der Film "Magnolia" quält einen seit mehr als zwei Stunden und ein paar zerquetschten Minuten und plötzlich fangen Philip Seymour Hoffman und Tom Cruise an, "Wise up" von eben jener Aimee Mann zu säuseln. Der Rezensent wusste damals nicht, wer die Dame ist oder was sie macht, aber in diesem Moment funktioniert dieser Song, obwohl er auch ohne das charismatische Zahnpastalächeln von Mister Mission Impossible eigentlich total unwiderstehlich ist. Aber auf dem achten Album von Miss Mann, "Charmer", gibt es weder Cruise noch eine filmische Begleitung. Und selbst wenn es sie geben würde, bereits nach dem ersten Track ist klar, dass Katherine Heigl ihren dürren Körper durchs Bild schieben würde, als Dame, die bis zum 30. Lebensjahr nur Unglück mit den Männern hatte oder gleich gar keinen. Und am Ende erscheint Ryan Reynolds als strahlendender Prinz, der die Alte letztendlich doch klarmacht.

"Charmer" ist von vorne bis hinten weichgespült. An starke Alben wie "Bachelor No. 2" erinnert nichts. "Soon enough" eiert artig vor sich hin ohne irgendeinen Höhepunkt oder eine Idee. Dabei war zuvor "Labrador" schon die in Mid-Tempo gegossene Einfallslosigkeit. "Gumby" greift die gleiche Soße wieder auf. Country und Pop vermischen sich hier aufs Übelste, dabei sollte diese Verbindung genauso wie körperliche Geschwisterliebe dringend verboten werden. Das eigentliche Problem liegt allerdings darin, dass die Texte so langweilig sind, dass einem bereits nach zwei Zeilen die Lust vergangen ist, sich damit zu befassen. "I'm living a lie, you living it too, cause I live it with you" - ene, mene, miste, es rappelt in der Kiste. "Living a lie" steht stellvertretend für das Bild dieser lahmen Welt, in der eigentlich nichts passiert, außer irgendwelcher Kram, den einem der Brigitte-Test schon vorhergesagt hat. Ist das wirklich die Dame, die einst "Wise up" schrieb?

Ihre Ehre rettet "Disappeared", weil die Gitarre kurzzeitig klingt, als ob Mann sie in einem schwachen Moment den Queens Of The Stone Age gemopst hätte. Sobald aber "Crazytown" dann diese komische Orgel auffährt, die Supertramp schon auf den Müll geschmissen haben, hört es echt auf. "Charmer" gibt einem nichts, keine Gefühle, keine Inspiration. Alles produziert in kleinen anständigen Happen, die niemanden irritieren sollen. Vielleicht wäre ein passender Film doch keine so schlechte Sache gewesen. Dann hätte Aimee Mann sich 13 Jahre nach "Wise up" wieder ins Gedächtnis der Öffentlichkeit rufen können. So wird sich selbst nach einem Heigl-Film niemand an einen ihrer Songs erinnern. Selbst wenn in dem Augenblick gerade ein Zahnpastalächeln auf dem Bildschirm wäre.

(Björn Bischoff)

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Highlights

  • Disappeared

Tracklist

  1. Charmer
  2. Disappeared
  3. Labrador
  4. Crazytown
  5. Soon enough
  6. Living a lie
  7. Slip and roll
  8. Gumby
  9. Gamma ray
  10. Barfly
  11. Red flag diver

Gesamtspielzeit: 37:58 min.

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