Elbow - Dead in the boot

Elbow- Dead in the boot

Polydor / Universal
VÖ: 24.08.2012

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Durch die Nacht

Oh Schreck, ein B-Seiten-Album. Kluge Köpfe wie wir von Plattentests.de, die Musikwissen und Labelmanagement bereits mit der Muttermilch eingesogen haben, wissen, was das bedeutet: Da will eine Band aus ihrem Vertrag raus, den sie irgendwann vor Urzeiten unterschrieben hat und laut dem sie noch zwei Alben veröffentlichen muss. Mist! All die schöne Kohle, die man durch einen möglichen Prozess verlieren könnte - was tun? Zum Glück ist bald Weihnachten, da macht sich so ein schönes "Best of", eine "Greatest Hits" oder, falls vorhanden, eine "Number 1 Hits" doch gut unterm Baum. Und drei Monate später eben die berühmt-berüchtigte B-Seiten-Sammlung mit Raritäten und plötzlich aufgetauchten Demos. Und schon ist man raus aus der Nummer. Aber hey, wir wissen auch: Elbow sind nicht so eine Band.

Wer sich mit Elbow auskennt, wird außerdem bestätigen, dass bei ihnen nicht nur die Alben grandios sind, sondern auch die B-Seiten der Singles. Anders zwar auf jeden Fall, aber in keinem Fall schlechter. Während sich sich viele Elbow-Songs dazu eignen, sie auf Konzerten oder auch nur mit drei Kumpels nachts auf der Straße lauthaus mitzusingen und somit das große Gemeinschaftsgefühl auf ein goldenes Podest heben, zeigen sich die Briten auf "Dead in the boot" eher von ihrer ruhigen Seite. Ziemlich düster beginnt es mit "Whisper grass", und wenn der Hörer schon längst in der Melancholie des Moments versunken ist, durchbricht das Quintett die Ruhe, wirbelt einen Sturm auf - und verstummt schließlich wieder.

"Burn all your clothes / And then let's go to bed / And get lazy / Lay me please", singt Guy Garvey anschließend in "Lay down your cross" von der 2004er Single "Not a job" und klingt dabei so sehnsuchtsvoll, wie es nur wenige können. Ohne Umschweife nimmt man ihm auch sein versicherndes "You don't see me drinking alone" ab, während man den Partner, der offenbar längst weg ist, in Gedanken noch näher an sich zieht. Derweil schafft das fast flüsternde "Every bit the little girl" eine dichte Atmosphäre, die durch "Lullaby", bereits der zweite Song von der ohnehin schon großartigen "One day like this"-Single, wieder aufgebrochen wird. Es scheint, als würden sich Elbow auf "Dead in the boot" eine Art Raum schaffen wollen, um sich mit ein paar Auserwählten dorthin zurückzuziehen.

Denn wer sonst kauft schon eine B-Seiten-Sammlung? Nur, wer eine Band liebt, möchte sie auch wirklich alle haben: alle Songs, alle Demos, alle kratzenden und dumpfen Live-Aufnahmen von damals, als die Gruppe noch ganz anders hieß und klang und eigentlich fürchterlich war. Nur, wer eine Band liebt, möchte sich noch um drei Uhr morgens auf die Straße stellen und ihre Songs aus Leibeskräften durch die Nacht singen oder mit Kopfhörern im Bett liegen und einem Song wie "None one" lauschen, den Staub dieser wirklich frühen Aufnahme wegwischen und den ganzen Kummer in sich aufsaugen. "Hey there, tell me / Does he kiss your eyes / Do you talk like I've died now", singt Garvey dann auch noch - es sind die einzigen Worte in diesem Stück. Das reicht für eine Gänsehaut. Zurück zu den Kumpels geht es zum Schluss mit dem schunkeligen "Gentle as", und spätestens, wenn die ganze Band in den Harmoniegesang einstimmt und man im Hintergrund jemand husten hört, ist klar: Verdammt, selbst wenn Elbow so eine Band wären, könnte man ihnen diese B-Seiten-Sammlung noch in hundert Jahren nicht übel nehmen.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Lay down your cross
  • Every bit the little girl
  • None one
  • Gentle as

Tracklist

  1. Whisper grass
  2. Lucky with disease
  3. Lay down your cross
  4. The long war shuffle
  5. Every bit the little girl
  6. Love blown down
  7. None one
  8. Lullaby
  9. McGreggor
  10. Buffalo ghosts
  11. Waving from windows
  12. Snowball
  13. Gentle as

Gesamtspielzeit: 51:40 min.

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