Bratze - Highlight

Bratze- Highlight

Audiolith / Broken Silence
VÖ: 07.09.2012

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Keine falsche Bescheidenheit

Immer kleine Brötchen backen. So lautete zuletzt die Devise bei Norman Kolodziej und Kevin Hamann, den erklärten Sympathen des deutschsprachigen Brachial-Elektropop. Grund dazu gab es indes wenig: Nach dem Bratze-Debüt "Kraft" war der 2010er Nachfolger keineswegs eine "Korrektur nach unten", sondern ein großartig schmatzender Brecher, dessen Qualitäten der Songtitel "Dazu kann man gut klatschen" nur unzureichend beschrieb. Doch neuerdings weht ein Hauch verkehrte Welt durch die Ballerbude norddeutscher Elektronik: Die chronisch oben schwimmenden Deichkind erteilen plötzlich den "Befehl von ganz unten", und das sonst so bescheidene Duo setzt ein selbstdiagnostiziertes "Highlight", bevor sich die beiden eigenen Angaben zufolge daran machen, ihre lästige MySpace-Seite zu löschen.

Es heißt eben Prioritäten setzen. Und die bestehen nicht in der Pflege von Präsenzen in brachliegenden sozialen Netzwerken, sondern im Zusammenschweißen eigenwilliger textlicher Einlassungen und bombender Elektronik inklusive messerscharfer Gitarrenspitzen, die gleichzeitig Punk und Dance feiern. Für Letzteres ist wie üblich Kolodziej alias Der Tante Renate zuständig, während Hamann ähnlich wie bei seiner Songwriter-Inkarnation ClickClickDecker am Mikro vieldeutig bis kryptisch die Realität deformiert. Und letztendlich dann doch zugunsten von Zerknirschung auf die Großspurigkeit verzichtet, die der Albumtitel scheinbar impliziert: "Denn ich bin ziemlich müde, von innen taub / Kann nicht mehr warten, bin schlecht zusammengebaut." Oder: "Es ist ein elendiger Abstieg / Ein ausrangiertes Klagelied."

Zeilen, die man so eigentlich nicht stehenlassen kann - immerhin stammen sie aus den vorzüglichen Singles "Strafplanet" und "Zitate". Die eine flitzt im Schweinsgalopp zu behänder Sequenz auf den Dancefloor und lässt sich mittendrin von geschwinden Rockriffs tieferlegen, die andere drosselt das Tempo und füllt die entstehenden Zwischenräume listig mit elektronischen Klöpferchen aus. Dazwischen trampelt mit "Zum übrigen Ich" eins der bislang tollwütigsten Bratze-Stücke wild um sich und mäht sich im Finale mit digitalem Stakkato-Dauerfeuer selbst nieder. Nein, bis hierhin hat "Highlight" in der Tat nicht zu viel versprochen. Doch auch wenn den Hamburgern die eine oder andere Verschnaufpause ob des furiosen Beginns gegönnt sei: Mit zunehmender Spieldauer fällt es ihnen zusehends schwerer, dieses Qualitätsniveau zu halten.

Leider finden gewitzte Maschinen und textliche Kapriolen in der Folge oft nicht mehr so schlüssig zusammen wie zuvor. Bei Kolodziejs dürrem synthetischem Unterbau von "Insel" muss etwa eine Rap-Einlage von Frittenbudes Stritzi Streuner her, damit aus dem Stück etwas wird, und "Die, die es schon wissen" kränkelt genauso an musikalischer Variationslosigkeit wie "Schon dumm, viel zu spät, alles gleich" an limitierter Phrasendrescherei, die Hamann im Grunde nicht nötig hat. Kritikpunkte, ungeachtet derer man Bratze nach wie vor richtig lieb haben kann, was sie gegen Ende mit gewohnt hochklassigen Stücken wie "Eigentlich Kalender" auch einlösen. Trotzdem waren die zwei irgendwie schon einmal weiter als hier - sind aber zum Glück "Immer noch vorn genug". Bescheidenheit ist eben eine Zier. Doch das wissen sie sicher selbst am besten.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Zitate
  • Strafplanet
  • Eigentlich Kalender
  • Immer noch vorn genug

Tracklist

  1. Zitate
  2. Zum übrigen Ich
  3. Strafplanet
  4. Die, die es schon wissen
  5. Ihr versetzt die Berge
  6. Insel
  7. Eigentlich Kalender
  8. Schon dumm, viel zu spät, alles gleich
  9. Findling
  10. Immer noch vorn genug

Gesamtspielzeit: 34:55 min.

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