Gallows - Gallows

Gallows- Gallows

Venn / PIAS / Rough Trade
VÖ: 07.09.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Zahn um Zahn

Je anonymer die Macht, desto mehr Individuen können unterworfen werden. Wie Widerstand leisten? Gallows geben Antwort: Immer auf die Fresse. Nach dem sich überschlagend-genialen "Grey Britain" machte die Band Hardcore-Punk endgültig mainstream-sexy und für ein großes Publikum greifbar. Denn auch der zwölfjährige Emo-Nachwuchs bekam Anschluss an den vermeintlichen Subkultur-Sumpf. Wut konnte wieder massenkompatibel sein. Plötzlich wirft Sänger Frank Carter wegen künstlerischer Differenzen das Handtuch, löst sich von der Leine, um seinem Nebenprojekt Pure Love volle Aufmerksamkeit zu schenken. Damit stand die Institution Gallows ohne Frontbeißer da. Ersatz wurde schnell mit dem Alexisonfire-Gitarristen und Backshouter Wade MacNeil gefunden. Doch kann MacNeil die breiten Fußstapfen seines übergroßen Vorgängers füllen?

Carter ist eine junge, blutdurstige, ultraaggressive, testosterongeflutete Dogge, die besser angekettet bleibt. MacNeil steht dem in nichts hinterher und gibt nach der "Death is birth"-EP seine Album-Feuertaufe eindrucksvoll mit "Victim culture". Wie ein bissiger Kampfhund bellt und knurrt auch dieser sich durch eine ungerechte Welt voller unterdrückender Machtmechanismen, die man am Besten mit gezielten Bissen zerfleischt. Dabei legt er weniger das Timbre des fleischhungrigen Carter, als vielmehr ein tieferes Grollen an den Tag. Aber die Bisse haben es in sich, auch wenn er nicht ganz das Charisma seines Vorgängers einfängt. Demgemäß ist "Gallows" weniger "Orchestra of wolves", als vielmehr der verlängerte Zahn von "Grey Britain".

"Everybody loves you (when you're dead)" kanalysiert die bekannte Aggression auf den Punkt und springt so lange gegen die Gefängnismauer, bis Blut spritzt - ganz wie "London is the reason" 2009. "Outsider art" versucht an Carters unterschwelligen Pop-Appeal anzuknüpfen, bevor sich wieder in den Käfig verbissen und mit Refrain-Chören an die Solidarität der Harcore-Community appelliert wird.

Die Massenwirksamkeit von "Grey Britain" hallt hier noch nach, was "Vapid adolescent blues" am Klarsten belegt. Die große Bühne ist wieder bereit für eine Portion Starkstrom und viel Männerschweiß. In "Depravers" kasteit MacNeil seine Stimmbänder in gurgelndem Gekeife bis kurz vor Knötchen und wirft viel Unangenehmes auf die Hörer aus, bevor er in "Nations / Never enough" den Priester des Pessimismus gibt und in gebetähnlichem Hass gegen dichte Gitarrenwände anpöbelt. Bei diesem Kampf ist kein Gewinner erkennbar. Vielmehr landet alles auf der Intensivstation.

"Gallows" zeichnet sich dabei weniger durch Innovation als durch Wiederholung von "Grey Britain" auf hohem Niveau aus. Misanthropische Status-Quo-Bestimmung, wofür die Selbstbetitelung vermutlich herhalten musste. Der große Vorgänger gibt den Ton an. Beispielsweise ist "Cult of Mary", von seinen verstörenden Kinderchören gegen Ende abgesehen, als ein aufpoliertes "Crucifucks" zu verstehen, und mit dem melodiösen "Cross of Lorraine" zitieren die Watforder "Queensbury rules" an. Der Pitbull beißt also weiter. Es war auch bitter nötig.

(Peter Somogyi)

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Highlights

  • Victim culture
  • Last June
  • Depravers
  • Odessa

Tracklist

  1. Victim culture
  2. Everybody loves you (when you're dead)
  3. Last June
  4. Outsider art
  5. Vapid adolescent blues
  6. Austere
  7. Depravers
  8. Odessa
  9. Nations/Never enough
  10. Cult of Mary
  11. Cross of Lorraine

Gesamtspielzeit: 30:29 min.

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