Firewater - International orange

Firewater- International orange

Nois-O-Lution / Indigo
VÖ: 24.08.2012

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Der Weltenschummler

Ethno, World Music, Crossover - sie alle standen einst für die Begegnung des Eigenen mit dem Fremden. Kritiklos wurde das hingenommen, bis es selbst den Cultural Studies buchstäblich zu bunt wurde und man sich fragte, wer genau bei dem ganzen Budenzauber eigentlich Rädelsführerschaft und Definitionsmacht innehatte - und ob Kifferblick, Batik-Kleider sowie schlechte Hüftschwünge zu noch mieseren Frisuren tatsächlich das Allheilmittel sind. Die Antwort ist bekannt, getan hat sich wenig: Auch heute noch komprimiert sich der hehre Anspruch allzu häufig auf den Clash von Moderne und Vormoderne. Gebt uns Eure Schalmeien, Flöten und Zittern, dann bringen wir Euch den Rock und die Crowd. Heilt unseren Kulturbanausismus, dann erklären wir Euch, wie man das ausspricht und wo es 2012 so langgeht. So weit, so lahm, so konservativ-kolonistisch, ja so borniert und eurozentristisch.

Es würde wohl kaum jemand behaupten wollen, dass Firewaters Tod Ashley sich dieser Gefahr nicht stets mit Wonne und großer Neugier ausgesetzt hätte. Dabei scheiterte er mal mehr, häufiger sehr viel weniger, im einen oder anderen Falle jedoch immer mit einer Menge Lust am Spiel und Stil. Im Vorfeld von "International orange", Firewaters siebtem Album, ist Weltenbummler Ashley in Istanbul angekommen - und bis zum nächsten Jucken in den Fernweh-Nerven vorerst dort geblieben. Das liegt sicherlich am multikulturellen Pulsieren der türkischen Metropole, aber auch an Ashleys beständiger Suche nach musikalischer Inspiration. Und so verwundert es nur wenig, dass "International orange" sich an landestypischen Instrumenten und Samples zwar ausgerechnet das ausleiht, was nicht unbedingt für Großstadtflair steht - den Puls der Moderne aber dennoch durch seine Adern pochen lässt.

Im Ergebnis ist "International orange" Firewater-typisches Genrehopping zwischen Ska, Punjab, Reggae, Balkan-Pop und Ashleys Pop- und Punkwillen. Letzterer kommt allerdings längst nicht mehr so offensiv daher wie einst bei etwa Mano Negra oder Asian Dub Foundation. Und auch die Firewater-Diskographie entschwindet immer mehr in einem beinahe Elvis-Costello-haften Weltmusik-Geflubber, mit dem sich "International orange" zwar nicht jeden Zahn zieht, aber schon das schelmische Grinsen bleicht. Der "Ex-millionaire mambo" etwa ist genau das, was als Genre im Titel steht, inklusive Ticker-Percussions, schnippenden Blues-Gitarren und kurz gestoßenen oder schlierend langgezogenen Bläsertönen. Für des Lesens Unkundige knurrt Ashley zudem unablässig "Maaaaamboooo" durch den Schlusspart - Verwechslung also ausgeschlossen. Ähnlich eindeutig dudelt auch der Offbeat von "The monkey song" vor sich hin, wird zu Ende und Beginn jedoch von einer Banghra-Melodie wunderbar beschleunigt. "Nowhere to be found" rettet sich zwischendrin in ein paar Takte Dub, wodurch sich in der Tat eine zwar fließende, doch auch zupackende Vertiefung ergibt. Und "Tropical depression" findet doch noch Spaß am oberen Midtempo, das sich in den Strophen nur darum leicht vergrätzt, damit es danach in einen beinahe süßlichen Gitarren-Pop-Refrain desertieren kann.

Ansonsten aber hat "International orange" doch zu wenig Verarbeitungs- und Umformatierungswillen anzubieten. Auch Punchlines, seien es musikalische oder textliche, bleiben weitestgehend draußen. Stattdessen werden versiert Genrestandards aufeinandergeschichtet, meist kombiniert mit rhythmisch vorangeschunkelten Daddelleien, die selbst das "Paint it, black"-Riff wieder abkochen, das durch "Strange life" brandet und dem Firewater bereits auf "Songs we should have written" ein Cover gewidmet hatten. Ashleys Stimme hingegen ist nach wie vor groß und kratzig, sitzt teils aber auch etwas dumpf über den verspielten Arrangements. Wie gesagt: All das geht mal mehr, mal weniger gut. Doch wirklich angekommen sind Firewater ohnehin noch nirgendwo.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • The monkey song
  • Tropical depression

Tracklist

  1. A little revolution
  2. Glitter days
  3. Dead man's boots
  4. Up from the underground
  5. The monkey song
  6. Ex-millionaire mambo
  7. Feeling no pain
  8. Strange life
  9. Nowhere to be found
  10. Tropical depression
  11. The Bonney Anne

Gesamtspielzeit: 46:17 min.

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