Cosma - Es hat alles seine Zeit

Cosma- Es hat alles seine Zeit

Aug & Ohr / H'art
VÖ: 31.08.2012

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Poetenbesäufnis

"Pisse im Schnee" hieß die erste gemeinsame EP, aufgenommen in der Abstellkammer eines Berliner Gymnasiums und in einer Auflage von circa sechs Stück erstaunlich schnell ausverkauft - die ersten gemeinsamen Schritte der Band Fumble klingen stark nach, genau, Schülerband. 1999 als Trio gegründet, besteht der Kern der inzwischen fünfköpfigen und in Cosma umbenannten Band noch immer. Durchhaltevermögen, das wiederum nicht typisch Schülerband ist. Der Sound der Band ist ebenfalls erwachsen geworden: "Es hat alles seine Zeit" ist das zweite reguläre Studioalbum und verpackt vielerlei Fragen und gesellschaftskritische Betrachtungen nicht immer leicht verdaulich.

Cosma wagen einen riskanten Balanceakt auf dem Drahtseil zwischen ausgelassen rauer Rockmusik und Texten in deutlich gehobener Wortwahl. Die könnten in ihrer Tiefgründigkeit so manchem Ozean Konkurrenz machen, wirken manchmal aber vor zu viel vordergründigem Intellekt etwas holprig, sodass der Zuhörer das idyllische Meer an einigen Stellen auf den zweiten Blick als Filmkulisse zu enttarnen glaubt. Diese Stolperstellen sind im Vergleich zum letzten Album aber deutlich weniger geworden, und auch sonst straucheln die Berliner während ihres Seiltanzes nur selten. Der Fluss der 13 Stücke und schlicht die Authentizität der Band profitieren deutlich von dieser Entwicklung. Allgemein geht "Es hat alles seine Zeit" weniger in die Extreme als der Vorgänger "Schlicht und ergreifend", unverkennbare Elemente wie der Cosma-typische Mischsound, der alle Ecken des Poprockwohnzimmers umkrempelt, und die markante Stimme von Sänger Matthias Kaatsch schließen Verwechslungen aber von vornherein aus. Schunkelhymnen treffen Funkgitarren mit Punkattitüde und genehmigen sich gemeinsam einen doppelten Whisky in der Stadtbibliothek.

Der Titeltrack, der das Album eröffnet und als erste Single schon vorab den Weg an Fanohren fand, ist vor allem melodisch gut gelungen, darüber hinaus aber relativ einfach gestrickt. Interessanter ist zum Beispiel die verwirrend-synästhetische "Sinnsucht" oder das eifrig treibende "Kopfkino", von dem erste Versionen schon 2009 zu hören waren. In "Wutbürger" geht es ernst zur Sache, ganz ohne Augenzwinkern geht aber auch hier nichts. Musikalisch schafft die Band einen der spannendsten und abwechslungsreichsten Songs der Platte. Selten wurde Protest so ohrwurmgefährlich vertont. Kompositorischer Einfallsreichtum und Texte, die ihre Hörer ausgesprochen lange beschäftigen können, trösten über die stellenweise zu gestelzte Wortwahl und die etwas kalte Produktion der per Crowdfunding finanzierten Platte gut hinweg. Angenehm ist, dass "Es hat alles seine Zeit" seine Zielgruppe in keiner Weise von vornherein glasklar definieren will und das möglicherweise auch gar nicht kann. Wer das Gesamtpaket mag, merkt das nach einer gewissen Kennenlernphase. Dinge, von denen man genervt sein könnte, gibt es einige. Cosma ist nichts für den Fahrstuhl. Gut so.

(Konrad Spremberg)

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Highlights

  • Kopfkino
  • Wutbürger
  • Nachtgedanken

Tracklist

  1. Es hat alles seine Zeit
  2. Milchmädchen
  3. Im Moment
  4. Kopfkino
  5. Kennst Du das auch
  6. Wutbürger
  7. Phantomschmerz
  8. Ruhe vor dem Sturm
  9. Schnäppchenjägermeister
  10. Nachtgedanken
  11. Sinnsucht
  12. Deus lo vult
  13. Wie's Dir geht

Gesamtspielzeit: 47:54 min.

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