Kid Kopphausen - I

Kid Kopphausen- I

Trocadero / Indigo
VÖ: 24.08.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Fleisch und Blut

"Wer bin ich?", fragt das Geschöpf Kid Kopphausen gleich im ersten Lied, die Prechtsche Erweiterung "Und wenn ja, wie viele?" schenkt sich das Orakel jedoch glücklicherweise. Denn so leicht wäre diese Frage gar nicht zu beantworten. Kid Kopphausen ist nämlich nicht nur Gisbert zu Knyphausen und Nils Koppruch. Nicht nur die drei hochkarätigen Mitmusiker Felix Weigt, Alexander Jezdinsky und Marcus Schneider. Nicht nur das Werk von Produzent Swen Meyer (Kettcar, Tomte, Olli Schulz), der maßgeblich zu den Aufnahmen beitrug, indem er die Protagonisten einfach gewähren ließ. Kid Kopphausen ist mehr als all die detaillierten Bilder, die von den 13 außerordentlich klugen und unangestrengt eloquenten Songtexten, die auch ohne Musik nichts an ihrer Eindringlichkeit verlieren würden, erschaffen werden. Kid Kopphausen ist mehr, als das 2009 von Koppruch und zu Knyphausen gemeinsam eingespielte Stück "Knochen und Fleisch" erahnen ließ. Mehr als "Caruso" plus "Hurra! Hurra! So nicht." durch zwei. Mehr als die Summe aller Beteiligten.

Dass das Eröffnungsstück - das einzige, bei dem sich zu Knyphausen und Koppruch die Leadvocals teilen - zwar unermüdlich "Wer bin ich?" fragt, aber trotzdem "Hier bin ich" heißt, spricht für sich: Bei allem Rätseln über undurchsichtige Identitäten und verschlüsselte Erkenntnisse, über die Sinnsuche und auch über sinnloses Suchen, ist Kid Kopphausen stets in der Gegenwart verwurzelt. Allerdings nicht ohne die welken Blüten der Vergangenheit sorgfältig zusammenzukehren und die knospenden Zeichen der Zukunft zu deuten. Kid Kopphausen ist ein exakter Beobachter. Ein Protokollant der Ereignisse. Manchmal auch ein scharfsinniger Gelehrter, der trotzdem Lernender geblieben ist. Passend dazu wurde "I" in einer alten Schule an der Nordsee aufgenommen, nur zwei Wochen hat es gedauert. Und klingt wie eine am ersten Ferientag festgehaltene Momentaufnahme. Live eingespielt, mit dem wohltuenden Charme von Authentizität und Natürlichkeit. Ein Album von Menschen für Menschen.

Die Künstler-Fusion lässt sich zunächst auf einen einfachen Nenner bringen: Die Stücke, bei denen Koppruch singt - wie "Meine Schwester" oder das wunderbare "Im Westen nichts Neues", die Geschichte eines Fatalisten - erinnern an sein Soloschaffen. Die Lieder, bei denen zu Knyphausen das Mikrofon übernimmt, klingen vor allem nach dessen letztem Studioalbum "Hurra! Hurra! So nicht.". Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Man wird in diesen knapp fünfzig Minuten die eine oder andere Überraschung erleben. Da findet sich zu Knyphausen plötzlich als Ungeduldiger in einem Stück namens "Schon so lang" über das sehnsuchtserfüllte Warten wieder, dessen erste Hälfte in einem A-Cappella-Gewand steckt und dann eine vollkommen unerwartete Wendung nimmt: ohne Umweg in Richtung Punk. Und so düster-dramatisch wie in der "Mörderballade", bei der schon die Musik ein Krimi für sich ist, hatte man bislang weder zu Knyphausen noch Koppruch erlebt.

Das schwerelose "Haus voller Lerchen" spinnt eine beinahe psychedelisch anmutende Analogie zwischen einer Nacht im Hamburger Club "Mutter" und dem monumentalen Ereignis einer Geburt. Der freiheitsliebende, dennoch sanft wattierte Folkrock der späten Sechziger scheint hindurch, und auch mit diesem musikalischen Ausflug hätte man vorher wohl kaum gerechnet. Auch nicht mit dem - zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftigen - Vocoder, der im erstaunlich modern produzierten, von zu Knyphausen mantraartig gesprochenen "Nur ein Satz" zu hören ist. Was allerdings voraussehbar war, ist, dass es diesen einen Song geben würde, der alle anderen überstrahlt: Er heißt "Das Leichteste der Welt" und ist das Transkript einer Rehabilitation. Eine Kid-Kopphausen-Ode an das Leben, die zu einem "unbedingten" Ja führt und schließlich die Erlösung in der Rockmusik findet: "Never mind the darkness, baby / You will be saved / By rock'n'roll!" Mit Kid Rock hat das zum Glück nichts zu tun.

(Ina Simone Mautz)

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Highlights

  • Das Leichteste der Welt
  • Im Westen nichts Neues
  • Schon so lang
  • Mörderballade

Tracklist

  1. Hier bin ich
  2. Schritt für Schritt
  3. Das Leichteste der Welt
  4. Im Westen nichts Neues
  5. Schon so lang
  6. Meine Schwester
  7. Wenn ich Dich gefunden hab
  8. Moses
  9. Haus voller Lerchen
  10. Wenn der Wind übers Dach geht
  11. Mörderballade
  12. Jeden Montag
  13. Nur ein Satz

Gesamtspielzeit: 49:26 min.

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