Ginger Redcliff - Note

Ginger Redcliff- Note

AdP / Al!ve
VÖ: 03.08.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Auf dem Trottoir der Melancholie

Das Orchester packt ein, der Vorhang fällt, die Kneipen schließen, der Regen fisselt in kalten Schauern den Rücken herunter, die Laternen am Straßenrand gehen aus. Wohin, wenn auf der besten Party die Celine-Dion-Rausschmeißer angestimmt werden? Mit sich allein gelassen in der Nacht, wenn das Danach ohne ein Davor wartet? Zwischen Opernball, großem Theater, Nobel-Pubs und siffigen Studentensausen schleicht die 1989 in London geborene Ginger Redcliff im Frühmorgendunkel umher und fängt jene Momente ein, in denen Gesellschaftlichkeit endet und die kleine Sorge vor der tiefen Betrübtheit des Alleinseins beginnt. "Note" versammelt elf Songs, die über Gewesenes nachsinnen, ohne im Kommenden aufzugehen. Ein kafkaesker Zirkel von Unmöglichkeit, bei dem der stillen Größe der Melancholie gehuldigt und das Grübeln in stimmigen Bildern zum Leitprinzip erhoben wird.

Wie schon auf "Me & Mr. Bola" ist ihr Ausdrucksmedium lupenrein-wohldosierter Pop. Dabei flirtet Redcliff mit Radiotauglichkeit auf der einen und spröder Eigenwilligkeit auf der anderen Seite. Wenn sie "Flying" mit ruhigem Herbstatmo-Klavier, vinylkratziger Elektronika und Regina-Spektor-Sympathie-Stimme intoniert, hat sie den Geist Alanis Morissettes während ihrer "Supposed former infatuation junkie"-Phase an ihrer Seite. Und das, um im Roy-Orbison-Cover "Paperboy" in einen "The Beekeeper"-Modus umzuschalten, der mit gut dosiertem Theatralik-Überschuss die dröge Mittelmäßigkeit der letzten Tori-Amos-Alben vergessen lässt. Der eigene Weg ist zwar lang, aber aufregender als die Trottoirs anderer Leute. Überhaupt besticht Redcliff mit raffinierten Arrangements, die Pflastersteinritzen in dunkle Abgründe zu verwandeln vermögen. So ihr geniales I-Heart-Sharks-Cover "Neuzeit". Wo das Original als belangloses Beispiel der leidigen Franzferdinandisierung des Indie-Rock mit 1980er Müllverwertung daherkam, arrangiert Redcliff eine im Schwarz zwischen Häuserschluchten und dunklen Fensterspiegelungen situierte Hymne, die in fast gewisperter Stille dem Begriff Brüchigkeit eine neue Dimension einschreibt. In ihrer Herangehensweise und Cover-Arrangierung nähert sie sich auf einen Meter dann doch Amos' "Strange little girls" und ihren Versionen von Slayers "Raining Blood" und "I don't like Mondays" an und zeigt, dass Covern durchaus Sinn machen kann, wenn es richtig angestellt wird.

Die Richtung von "Note" ist Geradlinigkeit. Redcliff hätte jederzeit neben Katy Perry oder Lana Del Rey einen Platz im Radioprogramm sicher. Doch die Glitterfunken und Glitzerlichter, die auf die hippen Popmädels fallen, spiegelt Redcliff im Regen lediglich aus dem unbestimmten Dunkel der gegenüberliegenden Straßenseite zurück. Ihre Lieder sind, trotz seltener Beschwingtheitsmomente wie bei "This girl is free", Funeral Blues. Das würde Mark Lanegan gewiss auch so sehen. Kaum auszudenken, was passieren würde, wenn Lanegan und Redcliff kollaborierten. Die Melancholie erhielte dann wohl eine Diskokugel.

(Peter Somogyi)

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Highlights

  • Flying
  • The bride
  • Tomorrow and today
  • Neuzeit (I Heart Sharks rework)

Tracklist

  1. Out of me
  2. When I changed
  3. Flying
  4. The bride
  5. Paperboy (Roy Orbison Rework)
  6. Tomorrow and today
  7. This girl is free
  8. Another way
  9. Sunabgung
  10. My secret
  11. Neuzeit (I Heart Sharks Rework)

Gesamtspielzeit: 35:43 min.