Philm - Harmonic

Philm- Harmonic

Ipecac / Soulfood
VÖ: 18.05.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Der Aufmerksamkeitstest

Wenn sich Künstler ohne jedwede Scheuklappen zusammentun, entsteht daraus immer Großes. Wahlweise ein großes Kunstwerk oder großes Chaos. Dass etwa Dave Lombardo am Schlagzeug weit mehr auf dem Kasten hat, als für Slayer ein schier unmenschliches Fundament einzuprügeln, ist nicht erst seit seiner Mithilfe bei den Celloschwingern von Apocalyptica bekannt. Viel spannender hingegen ist die Person Gerry Nestlers, der unter anderem in den Neunzigern mit Civil Defiance in Form einer nur vordergründig abstrusen Mischung aus Jazz, Prog und Metal so Abgefahrenes wie Großartiges produzierte.

Zunächst könnte man auch der Meinung sein, das eröffnende Lo-Fi-Geschrammel "Vitriolize" sei purer Improvisationslärm. Aber zum einen wurde auch der Grundstein zu dieser Kooperation bereits in den Neunzigern gelegt - die Herren Nestler und Lombardo wissen also, was sie da tun. Zum anderen finden sich in diesem Dickicht wie auch in den folgenden Songs gar wunderbare Melodien, wenn man sie denn wirklich sucht. Hier eine kleine Hookline, dort ein überraschendes Break - überall warten kleine Widerhaken, deren Vielzahl das Ohr bei den ersten Durchläufen nur mit Mühe zu registrieren imstande ist.

Plötzlich ein brutaler Schnitt: Durch die rauchenden Trümmer der soeben eingerissenen Mauer aus Metal, Hardcore und Werweißnochwas wabert "Way down", ein fieser, zähflüssiger Bastard aus Psychedelic und staubtrockener Americana. Und auf einmal bekommen der minimalistische Sound und Lombardos auf das Allernötigste reduzierte Drumkit einen Sinn, werden der Titeltrack und der Jazz-Jam "Exuberance" zu nahezu gleich großen Brüdern im Geiste. Jedoch nur, um dem atemlosen Hörer mit dem flirrenden "Sex amp" oder dem nervös groovenden "Amoniac" wieder mit Anlauf in den Allerwertesten treten zu können. "Held in light" bekommt im Refrain dann noch eine Killing-Joke-Schlagseite verpasst, bevor der Blutdruck allmählich heruntergefahren werden darf.

Die einzige Schwäche an "Harmonic" ist dann auch, dass das Album für manche nur schwer am Stück hörbar sein dürfte - was natürlich den weiß Gott großartigen Songs am Ende Unrecht tut, insbesondere dem chilligen "Mezzanine". Aber so ist das bei Nestler: Ob nun bei Civil Defiance oder den komplett abgefahrenen Kkleq Muzzil, aus deren 2000er Album "M" drei Songs stammen - ohne die volle Aufmerksamkeit funktioniert hier nichts. Und Lombardo? Der ist mühelos imstande, Nestlers wirren Schaltkreisen zu folgen und zeigt nebenher, warum er technisch gesehen für Slayer mittlerweile eigentlich eine Nummer zu groß ist. Es brauchte zwar mehr als zehn Jahre, um endlich diese kleine Lücke in beider Terminkalender zu finden - das Warten hat sich allerdings mehr als gelohnt.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Vitriolize
  • Way down
  • Amoniac
  • Held in light

Tracklist

  1. Vitriolize
  2. Mitch
  3. Hun
  4. Area
  5. Way down
  6. Harmonic
  7. Exuberance
  8. Sex amp
  9. Amoniac
  10. Held in light
  11. Dome
  12. Killion
  13. Mezzanine
  14. Mild
  15. Meditation

Gesamtspielzeit: 62:20 min.

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