Jeremiah Jae - Raw money raps

Jeremiah Jae- Raw money raps

Brainfeeder / Ninja Tune / Rough Trade
VÖ: 27.07.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Meisterstückwerk

1967 wurschteteln Jerome Agel und John Simon ein Monstrum zusammen, das als das erste Mixtape der Welt gilt. Dabei beachteten sie jedoch nicht die typische Kassetten-Dramaturgie, wie sie Nick Hornby in "High Fidelity" beschreibt. Nein, stattdessen reihten sie Sokrates-Zitate an Jazz-Fragmente und würzten diesen Bandsalat mit einem deftigen Dressing aus Satzfetzen von Marshall McLuhan. Das Ganze nannte sich dann "The medium is the massage".

44 Jahre später sitzt ein junger Musiker aus Chicago an seinem Rechner und frickelt ebenfalls an Sound-Schnipseln herum, die er wahllos aber gekonnt oder genial – man weiß es nicht ganz genau – zusammenkleistert. Es ertönen gurgelnde Beats, Dialoge aus einem alten Sidney-Lumet-Streifen und der lahmende Flow dieses Jungen, der sich Jeremiah Jae nennt. Noch ein Jahr später kommt seine erste LP raus. Und zwar bei Brainfeeder. Moment mal, Brainfeeder? Da war doch was. Richtig, Steven Ellison alias Flying Lotus war da. Seines Zeichens Chef bei Brainfeeder und wie man hört Lehrmeister von Jeremiah Jae. So dominiert auch auf diesem Album das Collagenhafte. Harte Schnitte trennen die 19 Bruchstücke. Gerade wenn man denkt, der Song beginnt sich zu entwickeln… Schnipp! Alles bleibt Skizze. Schnapp! Das ist aufkratzend und aufgrund der Produktion zugleich sedierend. Die wirkt, als sei sie in THC-lastiger Umnebelung entstanden. Die Beats gehen nie ganz nach vorne, meisten schleppen sie sich eher dahin, wie in "Tourist", "One herb" oder "Cable".

Und plötzlich taucht da dieses in feste Songstrukturen gegossene Stück namens "Money and food" auf, indem Jae über poppige Synths hinweg rappt. Es ist, als sei man aus einer traumstarken Tiefschlafphase hochgeschreckt. Und genau darum scheint es diesem jungen Herren laut einem Interview wohl zu gehen: "Im wachen Leben müht man sich ab, um an Geld zu kommen. […] Im Traum befindet man sich in einer obskuren Zone, wo sich Fragmente der Realität mit unbegrenzten Möglichkeiten treffen." Gab’s nicht mal diese Kategorie Conscious Rap? Dann ist das hier wohl Subconscious Rap.

Der ein oder andere wird jetzt schon merken: Man muss sich dieses Album erarbeiten. Zu viel steckt hier drin, als das man es mit dem ersten, zweiten oder dritten Durchlauf erfassen könnte: Die Einspieler von Monty Python’s Flying Circus oder eben Ausschnitte aus der eingangs erwähnten Aufnahme mit McLuhan, die übrigens auch schon von DJ Spooky geremixt wurde. Im globalen Dorf ist eben alles nur ein Sample von einem Sample von einem Sample. Eigentlich müsste Jeremiah Jae Fußnoten führen, um die Chance zu haben, ihm zu folgen. Tut er aber nicht. Und so ist er der Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg des Hip-Hop. Auf dass er noch lange im Amt bleibt.

(Marco Wedig)

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Highlights

  • Leaders
  • Ignorant mask (ft. K. Embry)
  • False eyes
  • The great escape

Tracklist

  1. Man (Revolution Pt. 1)
  2. Guns go off
  3. Greetings (ft. Tre)
  4. Rover
  5. Leaders
  6. Ignorant mask (ft. K. Embry)
  7. Cat fight
  8. Tourist
  9. Money and food
  10. Wires
  11. Seasons
  12. False eyes
  13. One herb
  14. The great escape
  15. Raw money (Passage)
  16. Money
  17. Guerrilla (Evolution Pt. 1)
  18. Hercules versus the commune
  19. Cable

Gesamtspielzeit: 48:50 min.

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