In This Moment - Blood

In This Moment- Blood

Century Media / EMI
VÖ: 10.08.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Marionettenspiel mit Strumpfbandgürtel

Es ist faszinierend: Zum Thema In This Moment entbrennen in regelmäßigen Abständen auf allen Musikplattformen mit der Sicherheit des kirchlichen Amens rege Dikussionen mit nur einem Inhalt - die sekundären Geschlechtsmerkmale von Frontfrau Maria Brink. Männlein wie Weiblein fühlen sich gleichermaßen energisch animiert, diese zu kommentieren. Gestaltet es sich als so schwierig, den Blick von Brust- auf Augenhöhe zu heben und von den äußeren Reizen der Sängerin zu den musikalischen einer potenten Band zu gelangen?

Offensichtlich schon, was durchaus der medialen Selbstdarstellung der Leadlady verschuldet ist. Mit Vorliebe kultiviert sich die Brink vor den männlichen Blicken in der Spannung zwischen Sadomaso- und Schulmädchen-Ästhetik als erotisiertes Fetischobjekt. Kierkegaard schon stellte fest, es zeige sich eine Neigung bei exaltierten Parteien, "auch im Äußeren sich in dem Negligé zu zeigen, in welchem ihre Gedanken immer auftreten". Kaum vorzustellen, was bei all den wechselnden (knappen) Kleidchen in dem blondierten Kopf der Sängerin vorgeht. Ihre dezidierte Antwort gibt sie in "Blood": "Shut your dirty, dirty mouth, I'm not that easy." Klare Ansage. Sie bleibt eine "Master of puppets" mit den Fäden in der Hand. Dies wird bedauerlicherweise kaum beachtet. Die Brink unterläuft nicht nur auf bildlicher Ebene häufig die medienwirksame Darstellung ihrer Person als blankes Sexualobjekt, auch in ihren Texten wird eine Spannung zu einer simplen, (männliches) Begehren weckenden Darstellung offenbar. Mit homoerotischen Posen verwirrt sie zunehmend ihre sexuelle Ausgerichtetheit und tritt als selbstbewusstes Alphaweibchen auf, die vor allem maskulines Unterdrückungsgehabe attackiert. Ob sie dabei die Perspektive einer "Whore" annimmt oder schlicht als "Scarlet" den weiblichen Gefühlshaushalt darlegt, es bleibt stets eine Drohung bestehen: "You're gonna listen to what I say next time". Ihre Strapse bilden die Handschellen männlicher Überlegenheit. Die Ironie dabei ist: Jeder, der sich lustvoll-begehrlichem Schauen hingibt, ist bereits Teil ihres Marionetten-Spiels. Woman on top sozusagen.

Wie die gewiss selbst Lady Gaga einschüchternden Kleidungswechsel gestaltet sich auch die vokalistische Performanz der Brink. Und die hat's in sich! Was aus ihrem zierlichen Körper an Gekeife herauskommt, erinnert mehr an jene Harpyen, wie sie Vergil in der Aeneis beschrieb: "Grässlich schrillt ihr Kreischen". Diese nahm Dante kurzerhand in den 13. Gesang seiner Hölle auf. Und der Hörer kann die schrille Aggressivität der Sängerin vermutlich auch weit eher in einer christlichen Unterwelt lokalisieren, als auf Festivalbühnen. Wie Alice wandelt die Frontfrau im Wunderland, was sich bei allem Gestöhne, Gefauche und zarten bis langsam in Wut aufschwellenden Gefühlsorgien als emotional verwüstetes Ödland hinter den Spiegeln herausstellt. Damit zementiert die Brink ihren Status als Scream-Queen-Größe und reiht sich in die illustre Schar überlebensgroßer Shouterinnen ein. Mit ihrem beeindruckenden Können braucht sie sich vor einer über alle Kritik erhabenen Angela Gossow von Arch Enemy oder einer Candice Clot von Eths nicht zu verstecken, auch wenn Brink ohne Death-Growls auskommt.

Das Gefühlswirrwarr und die exorbitante Darstellung der Sängerin hüllt die Band in ein Metalcore-Gewand lupenreinster Sorte, mit Hang zu elektronischen Spielereien. Die Gitarren sind scharf zugefeilt und rasieren die Haare in den Ohren straff, das Schlagzeug ballert an vorderster Front und treibt die vielen brinkschen Shout-Passagen zusätzlich voran. Wie in dem Genre mittlerweile gängig, das stark mit dem Mainstream flirtet und bei In This Moment seit dem etwas zu glatten "The dream" stets im Gepäck ist, finden sich viele ruhige, balladeske Songs auf "Blood". In This Moment setzen nicht nur auf Metal-Geeks und erhobene Biergläser, das Mett kann gern in der Pelle bleiben und der Currywurstlöffel auch mal weggelegt werden. Stattdessen wird Zuhören verlangt. Ganz nach dem Motto: Betritt eine Dame den Raum, ist der Gentleman gefragt. Dabei erreicht die Band auch mal Tiefenschichten deftonesschen Ausmaßes, wie in "The blood legion". Ruhe ist manchmal die neue Härte. Dass dieses Herangehen gern mit Ausverkauf beschrien wird, liegt auf der Hand. Aber ganz ehrlich mal: Wer braucht in der Liga von In This Moment noch die Garage?

(Peter Somogyi)

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Highlights

  • Blood
  • Whore
  • You're gonna' listen
  • Scarlet

Tracklist

  1. Rise with me
  2. Blood
  3. Adrenalize
  4. Whore
  5. You're gonna' listen
  6. It is written
  7. Burn
  8. Scarlet
  9. Aries
  10. From the ashes
  11. Beast within
  12. Comanche
  13. The blood legion
  14. 11:11

Gesamtspielzeit: 48:21 min.

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