Various Artists - Heute hier, morgen dort - Salut an Hannes Wader

Various Artists- Heute hier, morgen dort - Salut an Hannes Wader

Mercury / Universal
VÖ: 25.05.2012

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Aus lauter Anverkennung

Ist "Liedermacher" ein schmutziges Wort? Könnte man schon argwöhnen beim Gedanken an Herren mit Akustikgitarre, die dazu raten, man solle doch bitte den Nippel durch die Lasche ziehen. Doch es geht auch anders: Hannes Wader ließ sich ab den sechziger Jahren von Bob Dylan beeinflussen, etablierte das Arbeiterlied in deutscher Sprache und wurde zum Star der links-alternativen Szene - seine sozialistische Grundüberzeugung und der Groll gegen reiche Säcke sprachen allen aus der Seele, die lieber gemeinsam Grießbrei als alleine Rinderfilet essen. Und auch musikalisch bezieht sich bis heute ein Großteil deutscher Künstler auf den Ostwestfalen, obwohl diese wahrscheinlich lieber mit "Singer-Songwriter" angesprochen werden. Da bot Waders 70. Geburtstag einen willkommenen Anlass für diese 14 Coverversionen.

Doch Wader war nicht nur der vermutlich erste deutsche Sänger, der den Begriff "motherfucker" verwendete und in einem bizarren Talking Blues einen Großindustriellen zwang, "einen Joint, so groß wie ein Ofenrohr" zu rauchen, sondern auch feinsinniger Melancholiker und Getriebener. Folgerichtig also, dass sein populärster Song, der jedes seiner Konzerte eröffnet, diesem Tribut- beziehungsweise Salut-Album seinen Namen gibt: "Heute hier, morgen dort". Anerkennung setzt es hier aus den verschiedensten Ecken der Republik - auch wenn bei diesem hehren Vorhaben nicht alles funktionieren kann. Das zeigt sich vor allem bei den Interpretationen des Titelstücks, dem Philipp Poisels vernuschelte Schwermut ebensowenig gerecht wird wie der hingerotzte Punkrock von Slime.

Max Prosa macht seine Sache bedeutend besser: Sein "Lied vom kleinen Mädchen" beweist gleichzeitig Nachdenklichkeit und unbeschwerte Eleganz und lässt erahnen, dass nicht alles an Reinhard Mey schlecht ist oder war, und der Hamburger Finn. hat ohnehin genug Fliegen im Kopf, um "Schon so lang" mit schräg dazwischenfahrenden Bläser-Shots zu renovieren. Pohlmann steht die Version des Außenseiterportraits "Charley" weitaus besser als die flüchtigen Tagträumereien seiner eigenen Songs, während Revolverheld Johannes Strate und Tiemo Hauer auch hier ein Bad in überdosierter Gefühligkeit nehmen. Dagegen spürt Alin Coen "Abschied" mit feiner Emotionalität hinterher und trifft eher den Kern als Anna Depenbusch mit ihrer ansatzweise lasziven Fassung des Roadmovies "Nach Hamburg".

Unangenehm wird es höchstens, wenn Glasperlenspiel "Traumtänzer" unter einem Haufen gesichtslosem Hipster-Indie begraben oder der Remixer Apfel S. dem ursprünglich köstlichen "Kokain" unmotivierte Drum'n'Bass-Stromschläge verpasst. Schlüssiger überführen Das Bierbeben "Du träumst von alten Zeiten" in großartig präzisen Minimal-Electro-Pop mit Julia Wilton als kühler Frontfrau. Ein noch größerer Spaß hätte dieses Album jedoch werden können, hätten viele Beteiligte nicht offenbar das subversive Potenzial und den aggressiven Witz verkannt, der Waders Songs von jeher innewohnte. Wenigstens die "Arschkriecherballade" oder der "Talking-böser-Traum-Blues" wären willkommene Ergänzungen zur Ehrerbietung für einen Musiker gewesen, der vielen stets ein Dorn im Ohr war. Auf baldiges Wiederhören also - gerne auch im Original.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Lied vom kleinen Mädchen (Max Prosa)
  • Charley (Pohlmann)
  • Schon so lang (Finn.)
  • Du träumst von alten Zeiten (Das Bierbeben)

Tracklist

  1. Abschied (Alin Coen Band)
  2. Lied vom kleinen Mädchen (Max Prosa)
  3. Im Garten (Dota & Die Stadtpiraten)
  4. Nach Hamburg (Anna Depenbusch)
  5. Unterwegs nach Süden (Johannes Strate)
  6. Charley (Pohlmann)
  7. Heute hier, morgen dort (Philipp Poisel)
  8. Am Fluss (Tiemo Hauer)
  9. Schon so lang (Finn.)
  10. Traumtänzer (Glasperlenspiel)
  11. Die Möwe (Bosse)
  12. Du träumst von alten Zeiten (Das Bierbeben)
  13. Heute hier, morgen dort (Slime)
  14. Kokain (Apfel S.)

Gesamtspielzeit: 53:22 min.

Referenzen

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