Verse - Bitter clarity, uncommon grace

Verse- Bitter clarity, uncommon grace

Bridge Nine / Soulfood
VÖ: 27.07.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Schrei niemals nie

Sean Murphy muss erst mal nach frischer Luft schnappen. Die neue Platte "Bitter clarity, uncommon grace" seiner Hardcore-Band Verse ist gerade viereinhalb Songs alt geworden, hat Takte wie Ringrichter angezählt, hat Schlagzeuger Shawn Costa ausgepowert wie ein Duracell-Karnickel, hat Drei-Minuten-Songs in Workout-Übungen für Musiker verwandelt, hat sich in all den Nummern Schürfwunden eingehandelt, hat zwischen all dem keinen Platz mehr für Punkt und Ordnung und nur wenig mehr für Kommas gelassen. Dann herrscht erst mal Waffenstillstand, und Verse greifen zu einer dieser für sie typischen Melodien, die man von einer Hardcore-Band weder vor noch nach ihnen gehört hat – und je erwartet hätte. Am Ende von jenem "Setting fire to the bridges we cross" traut sich gar eine Gniedelgitarre, draufloszugniedeln als würde ihr Besitzer Spandex-Buxen spazieren tragen. Das eigentliche Wunder ist nicht dieser gut abgehangene Verse-Song, von dem es auf "Bitter clarity, uncommon grace"" noch einige mehr gibt. Das eigentliche Wunder ist diese Platte, diese typische Verse-Situation, die man sich noch vor gut zwölf Monaten kaum hatte vorstellen können. Genauer gesagt: Nicht mal ein bisschen in tausend Jahren.

Denn Anfang 2009 gab es Verse gar nicht mehr. Seit 2003 hatten Verse getourt, Platten gemacht, getourt, Platten gemacht, getourt - und waren irgendwo dazwischen zu Kritiker- wie auch Szenelieblingen geworden. Als Bassist Chris Berg sich Ende 2008 öffentlich der Straight-Edge-Einstellung seiner Mitmusiker entsagte, wollten einige Auskenner bereits die ersten Risse im Bandgefüge ausfindig gemacht haben. Ein paar Wochen später explodierten bei Verse jedenfalls keine stilbildenden Hardcore-Songs mehr, sondern gleich die ganze Band selbst - puff. Dass das jetzt, Mitte 2012, kaum eine Fußball-Europameistschaft später, ganz anders ist; dass einem auf dieser Platte ein Song namens "The silver spoon and the empty plate" die Lichter auspustet wie Rocky Balboa weiland Ivan Drago, es passt gut zu einem Genre, in dem schon einzelne Songs gerne schneller durchlauferhitzt sind als die komplette Karriere mancher Casting-Sternschnuppe. Denn natürlich ist auch "Bitter clarity, uncommon grace" so schnell auf Zimmertemperatur, dass man es sich nicht leisten kann, nach Feierabend nur mal eben kurz nebenbei reinzuschalten, die Füße hochzulegen und die Fernbedienung ein wenig im Takt zu wippen.

Nach wie vor beeindrucken Verse nicht bloß mit Hardcore-Standards wie im Uffda-Rhythmus vermöbelten Drumkits und einer Fronthupe mit mehr Wut im Bauch als Taktgefühl in der Stimme – sondern mit dem, was dazwischen alles passiert. Und was dazwischen passiert, ist das meiste dieses Albums. Herausragend: Wie Verse ihre Gitarren während "You and I are the fortunate ones" ohne abzusetzen erst hundsgemeine Riffs und dann feine Melodien spielen lassen - ohne wie eine dieser durchgematschten Emo-Bands zu klingen, von denen es demnächst bestimmt Merchandising aus dem Kaugummi-Automaten gibt. Toll: Wie Verse im Verlauf von "Finding a way out when there is no way" immer wieder noch einen bösen Nackenschlag draufsetzen. Clever: Wie Verse mit kurzen Instrumentals ihre Tour de Force von einer Hardcore-Platte in dramaturgische Häppchen teilen. Trotz leichten Abnutzungserscheinungen immer noch besser als der meiste Rest: "Bitter clarity, uncommon grace".

(Sven Cadario)

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Highlights

  • The selfish of the Earth
  • You and I are the fortunate ones
  • The end of all life

Tracklist

  1. The selfish of the Earth
  2. The selfless of the Earth
  3. The silver spoon and the empty plate
  4. Setting fire to the bridges we cross
  5. Seegue one
  6. You and I are the fortunate ones
  7. The end of all light
  8. The relevance of our disconnect
  9. Segue two
  10. Oceanic tendencies
  11. Finding a way out when there is no way
  12. Segue three
  13. The end of all life

Gesamtspielzeit: 31:31 min.

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