Baroness - Yellow & green

Baroness- Yellow & green

Relapse / Rough Trade
VÖ: 20.07.2012

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Jargon der Eigentlichkeit

Jüngst erdreistete sich Thomas Meinecke von F.S.K. mal wieder zu einer wunderbar (alt-)klugen These: Der Unterschied zwischen Pop und Rock bestehe schlussendlich darin, dass der Rock noch predige, es gäbe das unabhängige und "echte" Subjekt. Der Pop hingegen spiele konsequent Theater, lege Fährten, zitiere und verwirre, um jeden Gedanken an die Echtheit des Vorgeführten (in doppeltem Wortsinn) zu unterlaufen. Tatsächlich ist es genau dieser innovationsfeindliche Essenzialismus, der der Gitarrenmusik zwischen Rock und Metal immer wieder zu schaffen macht: Sei Du selbst, bleib' Dir selbst treu. Was soll das überhaupt heißen? Und muss ich immer wollen, was ich soll?

Seit langem zumindest lässt sich bestaunen, wozu das führt: zu immer gleichen Imitationen des ersten Erfolgs. Das ist meist in etwa so spannend, wie die Nachstellung von historischen Szenen bei ZDFkultur. Die moderne Rockmusik ist längst Hort des Dogmatismus. Oder eher des Neokonservatismus: Aus dem ehemals emanzipatorischen Sturm und Drang sind engstirnige Hardliner geworden. Womit wir mittendrin sind in der neuen Platte von Baroness. Einer Platte, die sich auf zwei Tonträgern insgesamt 75 Minuten gegen seine Vorgänger in Rot und Blau stemmt. Mehr noch: "Yellow & green" ist so etwas wie die Fortsetzung des Pop mit den Mitteln des Sludge. Dabei führt "Take my bones away" zunächst noch gehörig in die Irre, weil Baroness hier altbekannt von dem verwaschenen Gitarrensound und der sehr eigenen Stimme von John Dyer Baizley leben.

Dass "Yellow & green" aber auf voller Distanz als Pop bestens funktioniert, liegt daran, dass Baroness auf diesem Album erstmals wirklich zeigen, dass sie versierte und einfallsreiche Songwriter sind, die immer wieder das Risiko eingehen, auch zu weit zu gehen. Denn im Grunde machten es sich die Vorgänger doch etwas einfach: Sie lebten von einer überschaubaren Anzahl an Ideen, indem sie effektive Songs um ein paar schwere Riffs herum zimmerten. "Yellow & green" macht sich hingegen nicht mehr allzu viel aus Riffs. Was nicht heißt, es gäbe sie nicht mehr. Wie aber das gigantische "Psalms alive" en détail vorführt, werden diese eher ans dicke Postrockende gehängt, anstatt einen ganzen Song darauf zu errichten.

In abgedroschen: Dies ist die erste erwachsene Platte von Baroness. Weil sie jetzt Wut und Traurigkeit ins Gespräch miteinander bringt wie im wuchtigen "Little things", das auf einem postpunkigen Beat dramatisch auf's Delirium zustolpert. Oder die ganzen Muskelspiele auch mal als Überreaktionen abtut, wie in "Mtns. (The crown & anchor)", das sich gar an die Red Hot Chili Peppers ranpirscht. Und selbst wenn "March to the sea" zwar einen berüchtigten Gewaltmarsch im Amerikanischen Bürgerkrieg zitiert, geht auch dieser Song musikalisch einen Weg, der sich weit aus seiner Deckung hervor- und nah an einen Hit heranwagt - oder gar ans Stadion. Baizley experimentiert mit seiner Stimme, traut sich wiederholt an klaren Gesang und merzt so den größten Schwachpunkt der vorherigen Veröffentlichungen aus. Gerade das überlegene Material dieser Platte erweckt den Eindruck, dass in Zukunft noch ganz anderes kommen könnte von Baroness. Sie sollen, was sie wollen.

(Nicklas Baschek)

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Highlights

  • Little things
  • Sea lungs
  • Eula
  • Mtns. (The crown & anchor)
  • Psalms alive

Tracklist

  • CD 1
    1. Yellow theme
    2. Take my bones away
    3. March to the sea
    4. Little things
    5. Twinkler
    6. Cocainium
    7. Back where I belong
    8. Sea lungs
    9. Eula
  • CD 2
    1. Green theme
    2. Board up the house
    3. Mtns. (The crown & anchor)
    4. Foolsong
    5. Collapse
    6. Psalms alive
    7. Stretchmaker
    8. The line between
    9. If I forget thee, lowcountry

Gesamtspielzeit: 76:50 min.

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User Beitrag
Eduard Tetzlaff
2012-09-03 22:24:32 Uhr
englische Rezi (und mehr Prog Rock):
http://abeginnersguidetoprogressiverock.wordpress.com/
Gesichtsbuch
2012-08-16 23:43:10 Uhr
The band members of Baroness and their crew are recovering from injuries sustained after their tour bus crashed outside of Bath, England early on Wednesday morning.

John Baizley has broken his left arm and left leg. Allen Blickle and Matt Maggioni each suffered fractured vertebrae. All three remain in the hospital as of this writing. Pete Adams has been treated and released from the hospital.

Three of the five crew members who were on the bus have also been treated and released. One member is still undergoing testing. The driver of the bus remains in critical condition.

Please stay tuned for further updates. Thank you for all the support during this extremely difficult time.
Yeti
2012-08-15 17:34:31 Uhr
Das "zum Teil" bitte streichen.
Yeti
2012-08-15 17:33:24 Uhr
Tour-Bus von Baroness verunglückt. Neuen Menschen zum Teil verletzt. Restliche Europa-Tour abgesagt.
http://pitchfork.com/news/47515-baroness-bus-crashes-in-england-nine-injured/
paderborner pilsener
2012-08-05 19:10:34 Uhr
das album wird wohl in der zukunft für das rockalbum des jahres 2012 stehen!

Chapeau!
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