Library Voices - Summer of lust

Library Voices- Summer of lust

Dine Alone / Soulfood
VÖ: 11.05.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Sommer für Gehörgänge

Was hat der Indie-Pop mit Bibliotheken gemein? Geralmo Cardanos geflügelter Satz, dass Bibliotheken sich mit Büchern anfüllen, die Geister aber ärmer an Bildung werden, gewinnt im Zeitalter zunehmender Technisierung sichtlich an Relevanz. Man schreibt nicht mehr, man schreibt halt ab (oder digitalisiert). Die Relevanz dieser Aussage belegt der Neologismus der Guttenbergisierung für Plagiieren im Schüler- und Studenten-Jargon. Ein Beleg des Intellektualismus-Bankrotts. Wo nun steht der Indie-Pop? Natürlich schreibt er ab, das heißt, er konserviert seine Entwicklung, wie die Bibliothek das Wissen archiviert. Aber fehlt es ihm an Intellektualismus? Library Voices belehren eines Besseren und arbeiten gegen die Stagnation. Neues muss bekanntlich nicht immer gut sein, aber Altbewährtes auch nicht immer schwiemelig wie Papas Modellflugzeuge.

Im Booklet prangt in groben Lettern ein Zitat des Nobelpreisträgers Pablo Neruda aus seinem Gedicht "Heut Nacht": "Ich liebte sie, und manchmal hatte auch sie mich gerne." Damit scheint sich das kanadische Septett auf seinem zweiten Langspieler, der hierzulande mit einem Jahr Verspätung als erste Veröffentlichung der Band erscheint, melancholisch im Zeitstrahl des Indie zu positionieren. Die verflossene Geliebte, die geliebt wird, aber weniger liebte, lässt sich durchaus in den musikalischen Vorbildern wiederfinden, an denen Library Voices hörbar hängen. Allen voran Arcade Fire und Stars. Library Voices versuchen nun, deren frühen Pfade zu beschreiten. Dies gelingt ihnen famos, auch wenn der Innovationsbonus flöten geht.

Wie seinerzeit Stars ihren gelungenen Mainstream-Einstieg mit einem politischen Subtext-Sample einleiteten, leihen sich Library Voices die Stimme des mit Preisen überhäuften Audiobook-Sprechers Simon Vance, der darauf hinweist, dass die Band uns den Sommer der Lust vorstellen will. Alles ganz gediegen, wogegen die entblößte Brust des tätowierten Cover-Models Protest einzulegen scheint. Was dann in den folgenden zehn Songs präsentiert wird, gestaltet sich als konventionell im positiven Sinne. Luftig-kleine Songperlen mit leichtem Wave und viel Sonnenschein.

Wo sich selbst der Sommer als Bankrott erweist, kann er ja musikalisch im Mittelohr das Gemüt erwärmen. Um auch die Massenverblödung zu stoppen, wird der Sommer der Lust mit viel literarischem Ballast angereichert, als hätten Library Voices ihre Sozialisation hinter Bibliotheksmauern genossen. Büchereien aber schließen den Sommer in klimatisierten Räumlichkeiten und viel Sonnenverkleidung aus. Erstaunlicher deshalb, das die intellektuell überfrachteten Lyrics, mit Anspielungen auf Ernest Hemingway, James Joyce, Raymond Carver, Jacques Costeau oder die Affäre von Miles Davis und Juliette Gréco, nicht als blanke Depridrücker daherkommen und den Hörer einzig mit dem Bild eines kaputten Sackrasierers im Gehirn zurücklassen. Lesen kann man auch in der Sonne auf dem Balkon. Und die Literatur wimmelt nur von Sex. Hormone, Sommer und Buchkultur müssen sich eben nicht ausschließen.

(Peter Somogyi)

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Highlights

  • Generation handclap
  • Reluctant readers make reluctant lovers
  • Traveler's digest
  • Anthem for a new Canadia

Tracklist

  1. Intro
  2. If Raymond Carver was born in the 90's
  3. Generation handclap
  4. Reluctant readers make reluctant lovers
  5. Que sera Sarah
  6. Traveller's digest
  7. Be my Juliette Gréco, Paris 1949
  8. The prime minister's daughter
  9. Me, myself, and ID
  10. Anthem for a new Canadia
  11. Regina I don't want to fight
  12. It's a shame about Ray (Lemonheads cover)
  13. Traveler's digest (Teen Daze Remix)
  14. Traveler's digest (Andy Dixon Remix)
  15. Generation handclap (Kitchen Party Remix)
  16. Outro

Gesamtspielzeit: 49:54 min.

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