Slime - Sich fügen heißt lügen

Slime- Sich fügen heißt lügen

People Like You / EMI
VÖ: 15.06.2012

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Aufstand der Alten

Diesem Neustart wohnten Randale inne: Eigentlich hatten sie etwas zu feiern, als der Nobelschuppen "Esplanade" am Berliner Tiergarten etwa 300 Gäste geladen hatte. Im Februar 2011 war das, der ägyptische Staatspräsident Husni Mubarak hatte sich gerade den blutigen Protesten während des "Arabischen Frühlings" gebeugt und war nach 30 Jahren Alleinherrschaft zurückgetreten. Es war die passende Geräuschkulisse für die Feier zur Premiere von "Gegengerade", einem Film über den Hamburger Fußballclub FC St. Pauli, der sich seit Jahren als links aus Tradition versteht. Passend auch deshalb: Die 2010 wiedervereinigte Hamburger Politpunk-Band Slime untermalte den Abend musikalisch. Dann, zu später Stunde, bepissten rund 50 Gäste Teppiche, verschmierten Wände und Toiletten, zerstörten Glasscheiben - bis die Polizei anrückte. Als die Band Slime ein paar Tage später im Berliner SO36 einkehrte, sammelte die Polizei ein paar Dutzend Randalierer von der Oranienstraße ein. Es war, als hätte Marty McFly in Doc Browns DeLorean die falschen Tasten gedrückt, und wäre mit über 88 Meilen pro Stunde ins Berlin-Kreuzberg des Jahres 1991 abgebogen. Die neue Slime-Platte, "Sich fügen heißt lügen" betitelt, hätte der Soundtrack dazu sein können.

Fast alles auf "Sich fügen heißt lügen" ist, wie es vor zwanzig Jahren war: Im Song "Das Beil" spielt ein Schlagzeug Uffda-uffda, wenn es gerade nicht knattert wie der Auspuff eines Opel Kadett mit Verstopfung. Die fürs Radioprogramm quotenkomprimierten Powerchords, die die Jugend heute unter elektrischen Gitarren versteht, gibt es im "Trinklied" nicht - sondern ein für sie undefinierbarer Lärm, der abwechselnd an Motorsägen vorm Absaufen oder den Bohrer vom Zahnarzt erinnert. Dazu wollen zornige Männer am Mikrofon ihre herausgebrüllten Worte als Parolen verstanden wissen. Und diese ganz Platte ist gegen den Strich gebürstet wie ein 15 Zentimeter langer Irokesenschnitt, der im Hamburger Hafenwind vergeblich um sein Standbein kämpft. Auch wenn die Platte am Stück gehört ein wenig wirkt wie das Anarchisten-"A" auf T-Shirts, das Jugendliche mit bunten Haaren in den Neunzigern statt Smileys über den Schulhof spazieren trugen: Das ist meistens als Kompliment zu verstehen. Denn Querschläger-Punksongs wie das fiese "Freiheit in Ketten" müssen genau so gespielt werden, um authentisch zu klingen.

Einiges hat sich aber doch verändert bei Slime - und damit ist nicht der Vertrieb ihrer aktuellen Platte über ein Sublabel bei EMI gemeint, das in gewissen Kreisen für Bauchschmerzen sorgen könnte. Der ehemalige Schlagzeuger von Slime, Stephan Maler, ist nicht mehr dabei. Für Maler, der Generationen von linken Protestbewegungen in Deutschland radikale Ansagen und ewige Pamphlete aufs Programmblatt schrieb, sei eine Reunion Geldmacherei und nie ein Thema gewesen - so stand es vor zwei Jahren noch im Ox-Magazin zu lesen. Und er hielt Wort: Die Texte von "Sich fügen heißt Lügen" schnorrten sich Slime in den Gedichtbänden von Erich Mühsam zusammen. Mühsam war deutscher Anarchist und Schriftsteller, der im Juli 1934 im KZ Oranienburg von den Nazis ermordet wurde. "Sieg oder Tod / Jetzt geht es um's Ganze", so heißt eine seiner Zeilen im kämpferischen "Wir geben nicht nach". Dazu rattern Riffs wie Kalaschnikows. Ein bisschen altbacken und nie ganz unantastbar, aber so randalös wie damals.

(Sven Cadario)

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Highlights

  • Rebellen
  • Revoluzzer

Tracklist

  1. Sich fügen heißt lügen
  2. Rebellen
  3. Freiheit in Ketten
  4. Wir geben nicht nach
  5. Seenot
  6. Bürgers Alptraum
  7. Bett aus Lehm und Jauche
  8. Revoluzzer
  9. Trinklied
  10. Zum Kampf
  11. Bauchweh
  12. Lumpen
  13. Das Beil

Gesamtspielzeit: 46:07 min.

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