F.S.K. - Akt, eine Treppe hinabsteigend

F.S.K.- Akt, eine Treppe hinabsteigend

Buback / Indigo
VÖ: 11.05.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Assoziations-Blaster

John Peel gefiel das. Gleich sechs Mal lud der legendäre britische Radio-DJ die Band F.S.K. aus München zwischen 1984 und 1992 zu seinen berühmten Sessions ein und erfreute sich an einem Experiment mit erstaunlichen Forschungsergebnissen: der Verpflanzung von amerikanischer Folkmusik in einen Artschool-Background, der sich gegen Vereinnahmung durch herkömmliche Rockismen oder gar die Neue Deutsche Welle stets gewehrt hatte. Post Punk war da schon lange kein Argument mehr - erst recht nicht, als Thomas Meinecke, Justin Hoffmann, Michaela Melián und Kollegen in den neunziger Jahren eine kritische Ausgabe von Clubmusik entwarfen und sich 2004 gar vom Detroiter Techno-Produzenten Anthony "Shake" Shakir dekonstruieren ließen. Natürlich im Sinne freiwilliger Selbstkontrolle: Taugen Songs als Tracks oder umgekehrt?

Seit 2008 sitzen nun zwar die Goldenen Zitronen Mense Reents und Ted Gaier bei F.S.K. am Mischpult - denken aber gar nicht daran, dem Quintett seine verschrobene Vision avantgardistischer Popmusik auszureden. Auch das 16. F.S.K-Album ist also vor allem ein dichter Assoziationsklumpen, aus dem die bedeutungstragenden Einheiten erst einmal herausgemeißelt sein wollen. So formuliert der Albumtitel das Duchamp-Gemälde "Akt, eine Treppe herabsteigend" leicht abgewandelt zur Würdigung von Beate Klarsfelds Ohrfeige gegen den Bundeskanzler im Jahre 1968 um und verlegt "Lady Chatterley" D. H. Lawrence' sexuell aufgeladenem Roman in einen Chatraum für Erwachsene - eine nölig-hintersinnige Fortführung von Jens Friebes Netzpornographie-Klage "Gespenster", die die Gitarren klirren lässt wie einst bei Talking Heads.

Woanders warten Gypsy Bruce Lee, Josephine Baker oder Erykah Badu als Bezüge - eine Menge Holz. Dennoch schaffen es die Münchener, ihre Referenzhölle aus Popkultur und Genderproblematik auf spielerisch ausflockende, in sich rotierende Groove-Kartons und pointierte No-Wave-Geschosse mit zornig dazwischenfahrendem Gitarren-Störfeuer herunterzubrechen. Die Rhythmusgruppe folgt dabei meist eigenen Gesetzen: als hätte Moe Tucker ihr vorsintflutliches Stehschlagzeug gegen eine Schießbude voller Kuhglocken und Klimperpercussions eingetauscht, misstrauisch umkreist von Meliáns knorrigen Bassfiguren, wenn diese nicht gerade mit desorientiert umnachtetem Gesang die heilige Nico der Schlachthöfe gibt. Und spätestens hier muss auch der Name The Velvet Underground fallen.

Die sind nämlich nicht weit, wenn "Unter dem Regenbogen" zu brummelndem Bläser-Isegrim vorwärts stolpert und konstatiert: "Ich hab mich total verlaufen im Zaubergarten von Oz / Judy Garlands Platten kaufen im untersten Geschoss." Danach klatscht "Eine Ohrfeige für Kurt Georg Kiesinger" mit kantigen Funk-Riffs und zerrenden Artefakten im Hintergrund mindestens so laut wie besagte Maulschelle, bevor das nach der Neptunes-Produktionsstätte benannte "Master Sound Recording Studios" zu giftigen Rückkopplungen und einer Andeutung breitarschiger Rockmusik atemlos R'n'B-Klischees aneinanderreiht Der größtmögliche Widerspruch in sich - wie genaugenommen das ganze Album, das ausgerechnet eine dadaistische, von Hand gespielte Dubstep-Karikatur beschließt. "Logisch"? Ist hier nichts so richtig. Und trotzdem stimmt fast alles.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Lady Chatterley
  • Unter dem Regenbogen
  • Eine Ohrfeige für Kurt Georg Kiesinger
  • Logisch

Tracklist

  1. Äpfel, Birnen
  2. Gypsy Rose Lee und ihre Freunde
  3. Lady Chatterley
  4. Unter dem Regenbogen
  5. Eine Ohrfeige für Kurt Georg Kiesinger
  6. Erykah sagt
  7. Josephine Baker in Paris
  8. Master Sound Recording Studios
  9. Gute Nacht
  10. Logisch

Gesamtspielzeit: 41:45 min.

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