Dexys - One day I'm going to soar

Dexys- One day I'm going to soar

Buback / Indigo
VÖ: 15.06.2012

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Vergebliche Liebes-Müh

"He Kevin, altes Ledersofa, wie läuft's?" Nicht etwa ein Ausruf unter Plattentests.de-Redakteuren, zumal der Kollege Holtmann natürlich ein Ausbund an Jugendlichkeit ist. Vielmehr ein Gruß an den inzwischen 58-jährigen Kevin Rowland, dessen Band Dexys Midnight Runners erstmals 1980 Northern Soul mit keltischem Folk koppelte und inzwischen nur noch Dexys heißt. Zu recht, denn gehetzt wie auf den Fiedel-Evergreens "Come on Eileen" oder "The Celtic soul brothers" wird bei den Briten auf dem ersten Studioalbum seit 27 Jahren nicht mehr, und der Sänger hat sich vom johlenden Euphoriker mit einer Stimme wie Robert Smith auf Helium zu einem zumeist souveränen Crooner gemausert. Kein schlechter Ansatz - und allemal erfolgversprechender als Rowlands Comebackversuche in Frauenkleidern Mitte der Neunziger.

2012 präsentieren sich Dexys statt als Oktett mit abgewetzten Latzhosen in gehobener Bohème-Garderobe und abgespeckter Besetzung: Neben den alten Weggefährten Jim Paterson und Pete Williams gehört dazu vor allen Dingen Mick Talbot, der einst mit Paul Weller bei The Style Council die Fahne des englischen Soul-Pop der Arbeiterklasse hochhielt und auf "One day I'm going to soar" für einen geschmackvoll-gediegenen Sound mitverantwortlich zeichnet. Seufzende Pianos gehören genauso dazu wie dynamische bis verschluchzte Streicher- und Bläsersektionen nebst unsanften Polterdrums, die vielen gleichzeitig schwer atmenden und leichtfüßigen Songs gehörige Wucht verleihen. Und die macht aus diesem Album mehr als nur eine Nummernrevue von gesetzten Herrschaften, die nichts Großes mehr vom Leben und der Liebe erwarten.

Denn Rowland würde als chronisch Enttäuschter den Satz "Der Starke ist am mächtigsten allein" wohl als erstes unterschreiben. Und nach überstandener Drogensucht und einigen vermutlich unschön beendeten Beziehungen gehen ihm Songs wie der beschwingt resümierende Opener "Now" und "Lost" als Rückblende auf schwere Zeiten spielerisch leicht von der Hand, auch wenn immer wieder verklärte Erinnerungen an der unwirtlichen Realität zerschellen. "She got a wiggle" entsinnt sich Rowlands liebestoller Tage als Jungspund, dann wieder liefert er sich im fabelhaften Songdoppel aus "I'm always going to love you" und "Incapable of love" zu Breitwandarrangement Wortgefechte mit Shakespeare-Schauspielerin Madeleine Hyland - als müsste Barry White sich mit einer charmeresistenten Zicke herumschlagen. Köstlich.

Es scheint also beschlossene Sache zu sein: Rowland wird ein einsamer Mann bleiben. Der feinsinnige Blues "Nowhere is home" konstatiert in diesem Sinne "Nothing can make me happy, no rose gardens for me / That’s not self pity, no that’s the truth" und schiebt mit "Take your Irish stereotype and shove it up your arse" einen Mittelfinger an alle hinterher, die den Frontmann aufgrund seiner Wurzeln schon immer für etwas speziell hielten. Und dass der ausgelassene Stampfer "Free" kurz vor Schluss das Alleinsein feiert, lehrt den Hörer, seine Probleme nicht zu lösen, sondern zu genießen. Immer klappt das freilich nicht - denkt man sich bekümmerte Schleicher wie "Me" oder "I'm thinking of you" einmal weg, wäre dieses beachtliche Comeback durchaus noch zu straffen gewesen. Dennoch bleibt festzuhalten: Bei Rowland könnte es deutlich schlechter laufen.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Now
  • She got a wiggle
  • I'm always going to love you
  • Incapable of love

Tracklist

  1. Now
  2. Lost
  3. Me
  4. She got a wiggle
  5. You
  6. I'm thinking of you
  7. I'm always going to love you
  8. Incapable of love
  9. Nowhere is home
  10. Free
  11. It's O.K. John Joe

Gesamtspielzeit: 56:48 min.

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