Glitterbug - Cancerboy

Glitterbug- Cancerboy

C.Sides / Kompakt
VÖ: 04.05.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 5/10

Narration in Repetition

Was ist Glück? Das, was am Ende eines Rosamunde-Pilcher-Films wartet? Fünf Euro mit einem Rubbellos zu gewinnen? Nur ein Kalenderspruch? Endorphin? Das, was im Feuilleton diskutiert wird, wenn mal gerade kein altersschwacher Schriftsteller seine fragwürdige politische Lyrik absondert? Die Definitionen sind mannigfaltig. Eine, auf die man sich einigen könnte, war vor einer Weile in dem Newsletter eines Hamburger Musiklabels zu lesen: Glück ist, keinen Krebs zu kriegen.

Till Rothmann alias Glitterbug war in diesem Sinne nicht vom Glück gesegnet: Teile seiner Kindheit verbrachte er in der Onkologie. Auf seinem dritten Studioalbum verarbeitet der elektronische Experimentalist diese Erfahrungen nun zu einem minimalistischen Klangkunstwerk. Da stellt sich zunächst die Frage, inwieweit Techno überhaupt dazu geeignet ist, eine solche Geschichte zu erzählen. Das Gefühl, aus der Bahn geworfen zu werden, vermittelt von einer Musik, die sich immer in gleichen Bahnen zu bewegen scheint - ob das funktioniert?

Es funktioniert. Auch ohne das Vorwissen um die Krebserkrankung ist "Cancerboy" ein packendes Deep-Techno-Album, dessen Atmosphäre dichter ist als Osmium. Erfährt man dann von der Krankengeschichte, atmet man plötzlich den Geruch von Klinik, und die Platte erscheint in neuem Licht - Behandlungszimmerlicht. Ein Kaleidoskop an Gefühlen tut sich auf. In diesem Strudel aus Zorn und Zuversicht, Trauer und Trotz scheint das rasende "Abyss" wie der Horror nach der Diagnose.

Auf solche düsteren Passagen folgen Momente des Kampfwillens wie im tanzbaren "Don't stop", aber auch die apathische Ungewissheit der Wartezimmervorhölle, die man im schleppenden "From here on" heraushören möchte. Natürlich bildet man sich das alles nur ein, weil da was von Krebs im Booklet steht. Der Fantasie wird also nicht freien Lauf gelassen, vielmehr macht sie Dienst nach Vorschrift. Aber auch wenn das Drehbuch für diesen gelungenen Kopfkinofilm schon vorgegeben ist, bleibt die Regie einem immer noch selbst überlassen.

(Marco Wedig)

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Highlights

  • Abyss
  • Passages
  • Outside my window

Tracklist

  1. Backwards
  2. To guess
  3. Abyss
  4. Undertow
  5. Passages
  6. Those hopeful moments
  7. Don't stop
  8. From here on
  9. Dragged along
  10. Outside my window
  11. We'll still be here tomorrow

Gesamtspielzeit: 77:17 min.

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