Mark Stewart - The politics of envy

Mark Stewart- The politics of envy

Future Noise / Rough Trade
VÖ: 13.04.2012

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 4/10

Nicht? Doch!

Das wirksamste orale Verhütungsmittel ist immer noch ein entschiedenes Nein. Fragen Sie Mark Stewart. Der verweigerte sich schon Ende der siebziger Jahre mit The Pop Group störrisch dem, was der Band den Namen gab, und wurde später als Mark & The Maffia zur Schlüsselfigur des On-U-Sound-Labels. Seine Fusion von Post Punk mit Dub und Reggae unter konstanter Ablehnung der Thatcher-Regierung und anderer englischer Krankheiten war nicht weniger als stilbildend - da kann der Mann es sich inzwischen leisten, bestenfalls alle Jubeljahre eine Platte aufzunehmen. Doch wenn, lädt er sich dazu stets Gäste ein. Gerne auch ein paar mehr, denn Stewart ist nicht nur Bindeglied zwischen Stilen, die sich längst nicht mehr in die Kategorien Schwarz und Weiß unterteilen lassen - er gräbt ständig neue Löcher und hat die Ohren dabei stets im Bausand. Auch wenn man anfangs etwas ratlos vor einem Album steht, auf dem grundsätzlich erst einmal jeder mitspielt. Es hat zumindest den Anschein.

Dabei sind der New Yorker Punk-Veteran Richard Hell, Daddy G von Massive Attack, Dubstep-Erneuerer Kahn, halb Primal Scream, Nik Colk von Factory Floor, Underground-Regisseur Kenneth Anger und auch The-Clash-Mitbegründer Keith Levene. Gerade eben drücken sich noch Tessa Pollitt und Douglas Hart durch die Studiotür, früher am Bass bei den Slits respektive The Jesus & Mary Chain, und die alten Weggefährten Lee "Scratch" Perry und Adrian Sherwood sind natürlich auch schon da. Der Spaß kann beginnen. Zwar sind die Themen nicht die erfreulichsten - das war angesichts sanktionierter Gewalt gegen G8-Demonstranten, Bürgerkriegen in zerfallenen Staaten und nach der Weltherrschaft gierenden Konzernen aber auch nicht zu erwarten. Schon eher zu erwarten: bassiges Gewummer aus dem Soundsystem und komplexe Dub-Rhythmen, die ungebremst auf Punkrock-Wucht, angepisste Raps und Toastings sowie höhnenden Tanzmampf aus dem Bumsschuppen-Tanzlokal krachen.

Gegen diese aus allen Mischpultrohren feuernde Power sind die zwar brachialen, aber inhaltsleeren Tracks von ... sagen wir ... The Prodigy schlaffe Gummigeschosse, die auf halber Strecke verhungern. Die Single "Autonomia" legt bombende Parolenbeats, während sich Stewart und Bobby Gillespie zu wüster Gitarrenheizung die Seele aus dem Leib brüllen, im "Apocalypse hotel" wird unter Mithilfe von Daddy G aus TripHop plötzlich ein Horrortrip, und "Codex" randaliert zu lodernden Sequenzen auf dem Rücksitz einer Polizeilimousine. Ganz zu schweigen von der kämpferischen Riddim-Tune "Gang war" mit Lee "Scratch" Perry am Mikro oder der ramponierten Bowie-Coverversion "Letter to Hermione". Aber Stewart kann auch Pop. Schon das vergleichsweise fast schunkelnde Acid-Uptempo von "Gustav says" und "Stereotype" mit seinen Singalongs und klirrenden Gitarren wollen im Grunde Hits sein - doch auch diese starken Songs können einpacken, wenn erst einmal "Baby Bourgeois" zum Tanz bittet.

Da locken großartige Stumpfbeats, flirrende Keyboardgrundierung und Lalala-Refrain schmatzend in die Großraumdisco, bis Stewart fies dröhnende Synthies reindreht, gegen "corporate cocksuckers" wettert und so den Bogen zu The Pop Groups "We are all prostitutes" schlägt. Ein doppelbödiger Volltreffer - und für dieses Album in etwa das, was der hämische Eurodisco-Track "Miss Europa disco dancer" auf "Know your enemy" von den vermutlich geistesverwandten Manic Street Preachers war. Wie, das ist jetzt alles zu viel auf einmal? Dann bitte das Booklet auseinanderfalten, den Satz "Taste is a form of personal censorship" auf sich wirken lassen und sich das alles noch einmal von vorne anhören. Diesmal ohne musikalische Scheuklappen auf den Ohren - schließlich ist "The politics of envy" die Platte, an der sich zumindest 2012 alles wird messen müssen, das sich im elektronischen Bereich für relevant hält. "Did you mistake me for someone who gives a fuck?", fragt Stewart dann noch. Lassen Sie uns kurz überlegennnn - nein.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Autonomia
  • Codex
  • Baby Bourgeois
  • Apocalypse hotel

Tracklist

  1. Vanity kills
  2. Autonomia
  3. Gang war
  4. Codex
  5. Want
  6. Gustav says
  7. Baby Bourgeois
  8. Method to the madness
  9. Apocalypse hotel
  10. Letter to Hermione
  11. Stereotype

Gesamtspielzeit: 47:11 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Castorp
2012-08-11 15:39:53 Uhr
11.08.2012 - 13:50 Uhr = Fake
Castorp
2012-08-11 13:50:10 Uhr
Gefällt mir!

2012-08-01 21:37:30 Uhr
Guter Einwand, lass ich gelten.
Harry_X
2012-07-31 18:25:17 Uhr
die Frage ist vielmehr: ist diese Musik -unabhängig davon, daß sie eine gewisse Güte der Schrägheit erfüllt- noch relevant genug, genau das zu bewirken, was "Learning To Cope With Cowardice" oder "As The Veneer Of Democracy Starts To Fade" -zumindest im Hörerkreis- zu bewirken vermochte. Und da muß man klar sagen: nein. "The Politics Of Envy" kann das nicht, weil sie zum einen sich zu sehr an gängigen Pattern orientiert und seine eigene Entschuldigung gleich mitbringt: "Taste is a form of personal censorship" - damit kann man schlichtweg alles begründen. Diese Art von Relativität gab es früher nicht. Also ein recht gutes Album, aber sicherlich keins mehr, das in die Liste "Albums that put the world on fire while no one was listening" aufgenommen werden kann, und zwar mangels ersterem.
michi
2012-05-18 01:56:20 Uhr
Ganz meine Meinung
17.05.2012 - 15:41 Uhr
Ich finde das Debut der Band Beer Soup,
"Fellowship Of The Pole" auch besser.


WAT??
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