Die Toten Hosen - Ballast der Republik

Die Toten Hosen- Ballast der Republik

JKP / Warner
VÖ: 04.05.2012

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Optimal fürs Volk

Helmut Kohl, Uli Hoeneß und Heino haben noch nicht zum Dreißigjährigen gratuliert. Hätte die vitalen Toten Hosen bei den Feierlichkeiten auch nur gestört und in ihrer Selbstwahrnehmung irritiert. Deutschlands kompatibelste Krawall-Band zieht zum Jubiläum nämlich durch die Wohnzimmer der Nation, von Hamburg über Gäufelden nach München, mit Abstechern nach Island, Österreich und in die Schweiz. Zurück ins anarchische Paradies, mit Jägermeister und Bommerlunder. In einer Punk-WG in Gießen sagt Campino nach einem schweißtreibenden Konzert: "Dreißig Jahre wandern, um hier anzukommen - das ist es wert. Ich habe heute Gott gesehen!" Die Toten Hosen zelebrieren in ihrem Jubiläumsjahr das Optimum fürs Volk.

Wie die Konkurrenz aus Berlin haben sich die Düsseldorfer zum Ehrenjahr ein Album aus den Rippen geschnitzt. Drei Jahre haben Die Toten Hosen geschrieben und gefeilt, gemeinsam mit Tobias Kuhn, Marteria und Vincent Sorg. Herausgekommen ist ein energisches, homogenes und launiges Album, das sich seine Gedanken übers Älterwerden macht, über Depressionen, Zeitgeschehen und den Zustand der Nation. "Und immer wieder / Sind es dieselben Lieder / Die sich anfühlen / Als würde die Zeit still stehen", singt Campino in dem Breitseitenrocker "Altes Fieber". Pathetisch wie eh und je, doch mit einem Funken Wahrheit: "Ballast der Republik" ist das beste Album der Band seit "Opium fürs Volk."

Die Single "Tage wie diese" war der entsprechende Vorbote: ein bisschen Melancholie, ein empathischer Text und ein Refrain, der bei Rock am Ring die Massen zur Heiserkeit treiben wird. Also doch alles wie immer? Anders als bei den beiden Vorgängern wirken die Songs hier nicht, als wären sie am Reißbrett konzipiert worden. Die Rhythmen sind flexibel, die Gitarren verspielt und auch die Texte von Campino scheinen auf "Ballast der Republik" nicht so tief im Kitsch zu stehen wie noch vor ein paar Jahren. Die Toten Hosen sind gelassener geworden und das hört man dem 15. Studioalbum der Band bereits nach dem ersten Durchgang an.

Da gibt es das Beziehungsdrama namens "Oberhausen", das als Fortsetzung von "Er denkt, sie denkt" gelten könnte, wenn der Refrain nicht so schlagermäßig daherkommen würde. Dann "Europa", wo sich Campino und Co mit Piano und schweren Pauken mit dem Flüchtlingsdrama vor Lampedusa auseinandersetzen. Ein untypischer Song für diese Band, reflektiert und behutsam, und auch hier sitzt der Text gut. Das hätte man den Toten Hosen in dieser Form gar nicht mehr zugetraut. Doch auch die Produktion ist präzise, und Tobias Kuhn von Miles/Monta bringt nebenbei den Düsseldorfer Deutschrockern den Indie-Rock näher.

Als Geburtstagsgeschenk haben Die Toten Hosen zusätzlich eine Jubiläums-CD eingespielt, die den Namen "Die Geister, die wir riefen" trägt, und "Ballast der Republik" komplettiert. Da werden Gedichte von Herman Hesse und Campinos Lieblingsdichter Erich Kästner vertont. Punkurgesteine wie Male und Abwärts werden gecovert, ein Gruß an Die Ärzte nach Berlin gesendet, Falco gewürdigt und traditionelle Anti-Nazi-Volkslieder in Punkrock getaucht. "Hier kommt alles zusammen: Alte Weggefährten, Vorbilder, radikale Lieder und Gedanken!" Diese CD ist vor allem eines: grundsympathisch. Ob man Die Toten Hosen nun für ihre Integrität schätzt oder für ihre Schlichtheit verteufelt: Wenn diese Band weg ist, dann wird etwas fehlen.

(Christian Preußer)

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Highlights

  • Ballast der Republik
  • Altes Fieber
  • Europa
  • Draußen vor der Tür
  • Im Nebel
  • Heute hier, morgen dort
  • Stimmen aus dem Massengrab

Tracklist

  • CD 1
    1. Drei Kreuze (dass wir hier sind)
    2. Ballast der Republik
    3. Tage wie diese
    4. Traurig einen Sommer lang
    5. Altes Fieber
    6. Zwei Drittel Liebe
    7. Europa
    8. Reiß Dich los
    9. Drei Worte
    10. Schade, wie kann das passieren?
    11. Draußen vor der Tür
    12. Das ist der Moment
    13. Ein guter Tag zum Fliegen
    14. Oberhausen
    15. Alles hat seinen Grund
    16. Vogelfrei
  • CD 2
    1. Computerstaat
    2. Sirenen
    3. Das Model
    4. Die Moorsoldaten
    5. Im Nebel
    6. Heute hier, morgen dort
    7. Rock me Amadeus
    8. Industrie-Mädchen
    9. Keine Macht für niemand
    10. Einen großen Nazi hat sie!
    11. Schrei nach Liebe
    12. Manche Frauen
    13. Innenstadt Front
    14. Stimmen aus dem Massengrab
    15. Lasset uns singen

Gesamtspielzeit: 91:33 min.

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