Castling Queen's Side - Cinema

Castling Queen's Side- Cinema

Irascible
VÖ: 27.04.2012

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Klaviatur der Einsamkeit

Castling Queen's Side halten mit ihrem Debüt, was der Titel "Cinema" verspricht: großes (Kopf-) Kino. Ihre verhauchten Klänge lassen Assoziationen zu Schneeflocken im leichten Novemberwind entstehen, die entlegene Straßen entlangwehen. Das Sextett synthetisiert Einsamkeit, Trauer und lyrische Aufbruchsenergie zu einer ausdrucksstarken Verbindung und liefert nebenbei den perfekten Soundtrack für die Leiden aller postmodernen Werther.

Interpol sind ihre düsterbeseelten Geistesbrüder. Doch die Züricher musizieren weniger mit jener mathematischer Finesse, die deren Musik mehr an architekturale Klanggebilde erinnern lässt, als vielmehr mit offener Krawatte und ordentlich Bauchgefühl. Die Lieder sind stets im langsamen Fluss, entfalten im Vorbeiplätschern ihre fragile Schönheit, die primär durch Reduktion, als durch große Gesten begeistert. Der Sound der sechs emanzipiert sich dabei von Größen wie den Editors oder eben Interpol, indem der New Wave gedrosselt und der Post-Punk auf sein vergilbtes Skelett reduziert wird, der höchstens noch bei Songs wie "Chase" und "One of the quiet boys" seinen fahlen Schädel aus dem Schrank hängen lässt. Eher erweist das Arrangement der Songs den Soundscapes des Postrock seine verhaltene Reverenz. Castling Queen's Side schaffen dabei mit angezogener Handbremse den Spagat zwischen Desolatheit und Trauer, ohne sich dem Pathos des In-die-Schnüffeldecke-Flennens zu ergeben. Das ist insbesondere den expressiven Texte zu verdanken, die gegen das Verliegen in den Armen des inneren Schweinehundes aufrufen.

Über allem thront der kräftige, fast schon morbide Bariton von Sänger Michael Wiedemann, der mit der Intonation seiner flehenden Melodiebögen dem Flussbett seine mäandernde Richtung vorgibt und viel zum Treibgut der dämmerungsverhangenen Atmosphäre der Lieder beiträgt. Ja, er klingt wie Peter Heppner, nur existentialistischer und ohne Schmuddel-Goth-Attitüde. Wiedemann singt viel von Kenntnisnahme, kaum von Beurteilung, dafür mit festem Blick auf Popkultur-Speerspitzen, so in der Taxi-Driver-Hommage "One of the quiet boys", wenn er wie ein goldkehliger Travis Bickle "Are you talking to me? / You're talking to me? / Well I'm the only one here / Here in my bathroom mirror" anstimmt.

Mit derlei Zitaten sind Castling Queen's Side wieder beim Kino. Die elf Songs verbleiben in ihrer unprätentiösen Kürze wie Skizzen, die sich erst im Gesamt zusammenfügen und den Blick für die emotionale Größe von "Cinema" freigeben. Interpol sollten am besten noch einmal ihre "Bright lights" anschmeißen, denn eine Dämmerung zieht aus der Schweiz auf.

(Peter Somogyi)

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Highlights

  • Rise and fail
  • Safe side
  • Confrontation
  • One of the quiet boys

Tracklist

  1. Rise and fail
  2. Chase
  3. Black, casual
  4. Safe side
  5. Leaving for Paris
  6. Secret notes
  7. Confrontation
  8. City winners
  9. One of the quiet boys
  10. Take a walk
  11. The glorified

Gesamtspielzeit: 40:42 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Lucas
2012-05-09 13:03:30 Uhr
Also ich finde beide gut, kann und sollte man gar nicht unbedingt vergleichen, wenn man das Album CINEMA durchhört, ist es doch sehr eine abwechslungsreiche Platte. Das sehe ich doch anders. Und jetzt mal ehrlich: Editors, The National, Interpol singen die wirklich auf viel mehr Tonlagen?
elrenluthien
2012-05-09 08:34:35 Uhr
argh, wieder d un s im namen verwechselt! sorry, my fault.
robert
2012-05-09 08:05:53 Uhr
Da ist wohl jemand schwer verliebt. Die Band deines Herzens heisst übrigens Les Yeux Sans Visage. Wer auf Perfektion steht, sollte sich das sympathische Trio aus Luzern nicht entgehen lassen.
elrenluthien
2012-05-09 00:26:12 Uhr
wie jetzt? die castling queen's side reviewed ihr und les yeux dans visage aus luzern mit "tomorrow is a million years" nicht?

dabei sind die doch um so viel besser als die züricher truppe...

heute beide live gesehen. der sänger der castling queens kann wirklich nur eine tonlage, was auf dauer eher langweilt. les yeux wusste da mehr zu überzeugen mit perfektem sound...
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