Beach House - Bloom

Beach House- Bloom

Sub Pop / Bella Union / Cooperative / Universal
VÖ: 11.05.2012

Unsere Bewertung: 9/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Eine Entschuldigung

"If you built yourself a myth ..."

Manchmal kann man es im Vorfeld nicht wissen. Wie auch? Oft haben wir nicht viel Zeit, um uns ein Album so lange anzuhören, bis das Urteil steht. Das läuft in manchen Fällen so kurzfristig, dass man das Album kurz vor der Veröffentlichung bekommt, es sich ein paar Mal anhört und sich dann eine Meinung bildet. Viele Faktoren spielen dabei eine Rolle. Bin ich glücklich oder traurig? Läuft alles super oder geht gerade alles den Bach runter? Benutze ich die Musik, um einen tollen Moment noch besser zu gestalten oder brauche ich sie als Ventil, um meine schlechte Laune zu bekämpfen? Und die Jahreszeit, mein Gott. Kein Scherz, ein sommerliches Album kommt im Winter einfach nur halb so gut, und andersrum natürlich genauso. Wer hätte es also schon wissen können, damals, im Winter 2010, als es unaufhörlich schneite? Da ist man nur mal kurz spazieren und hört das neue Album dieser Band, die man vorher schon mochte. Und erlebt eine kleine Offenbarung. Die Rezension muss in den nächsten Tagen fertig werden, was schreibe ich jetzt bloß? Ist das nur kurz aufflackernde Euphorie? Oder ist "Teen dream" von Beach House wirklich so gut?

"... you'd know just what to give ..."

Es passiert schon mal, dass man einem gar nicht mal so tollen Album eine hohe Wertung verpasst. Andersrum kann es aber auch genauso gut sein, dass sich die Güte einer Platte erst nach dem Verfassen der Rezension offenbart. Ich weiß, wie es ist, wenn man noch Jahre später bereut, einem grandiosen Album eine zu niedrige Bewertung gegeben zu haben. Denn natürlich war und ist "Teen dream" wirklich so gut. Ein Meisterwerk, das sich wohl für alle Zeit den Titel "Lieblingsalbum eines ganzen Lebens" gesichert hat. Eine Glanzleistung in der Popgeschichte. Ein Meilenstein. Und so weiter. Doch das alles ändert nichts daran, dass es damals, in diesem schneebedeckten Winter 2010, zu niedrig bewertet wurde. Wer weiß, vielleicht hätte "Teen dream" es werden können, das erste Album nach Joanna Newsom, das die... Ach, lassen wir das. Und nun? Als "Bloom" angekündigt wurde, hatte mein Herz einen kleinen Aussetzer. Im Ernst! Völlig überraschend kam das, und als der Chef im verglasten Redaktionsgebäude rumlief und laut schrie, wer es denn rezensieren wollte, war klar, dass das kein anderer machen dürfte. Also schnell ein paar Schränke vor die Türen der anderen Redakteure geschoben und losgerannt. Da war es dann nun, dieses "Bloom", und mit ihm kam die Angst.

"... what comes after this ..."

Was, wenn ich wieder den gleichen Fehler mache? Das Album in der Kürze der Zeit zu schlecht, oder womöglich sogar - ein fast schon absurder Gedanke - zu gut bewerte? Denn Beach House dürfen ja im Grunde nach "Teen dream" alles. Ich lasse es mir gefallen, dass sich Victoria Legrand auf ihren Konzerten wie eine arrogante Diva verhält. Es ist in Ordnung für mich, auch die Singles zu kaufen, weil überall noch eine B-Seite zu finden ist, selbst wenn diese klingt, als wäre sie für's Album zu schlecht gewesen. Ich mosere nicht mal, wenn sie an einen der besten Songs des Albums einen Hidden Track hängen, bis dieser über 16 Minuten lang ist und ich immer erstmal nach vorne spulen muss, um ihn mir anhören zu können. Denn ich komme immer wieder zum gleichen Schluss: "Teen dream" wurde besser, als ich dachte. Liebe Victoria Legrand, lieber Alex Scally, es tut mir wirklich leid. I am sorry. Aber ich mache es wieder gut. Weil Ihr es wieder gut gemacht habt! Mehr noch: Mit "Bloom" knüpft Ihr von Beach House genau dort an, wo "Teen dream" einst aufhörte, also bitte, akzeptiert zu meiner Entschuldigung auch gleich noch mein völlig ernst gemeintes Dankeschön.

"... momentary bliss ..."

Allein diese Zeile im ersten Song, den man von "Bloom" hören durfte, nämlich "Myth", reichte aus: "Help me to make it." Ihr habt ihn den Fans geschenkt, per Mail konnte man ihn sich schicken lassen, ich habe das natürlich auch sofort gemacht. Mein erster Gedanke: Das klingt wie "Zebra". Mein zweiter: Ist das schön, wie, naja, eben genau jenes "Zebra". Dieser hypnotische Gitarrensound, die Streicher, die eine selbst für Dream-Pop noch traumhafte Klangkulisse schaffen. Und Dein Gesang, Victoria! Da brauchen wir wirklich gar nicht lange zu diskutieren. Dann wäre da noch "Troublemaker", mit seinem kryptischen Text und der feinen Instrumentierung, bei der die Percussions für einen Moment stocken, um dann nur noch mehr zu fesseln. Von einem ähnlichen Kaliber ist "Other people", und es würde mich nicht sehr wundern, wenn ich diesen Song irgendwann im Radio hören würde - aber möchte ich das? Spätestens hier wird jedoch deutlich, wie sehr sich Eure Detailverliebtheit noch weiter ausgeprägt hat, sowohl lyrisch als auch musikalisch.

"... the consequence of what you do to me."

Und dann, natürlich "Lazuli". Der zweite Song, den man vorab hören durfte. "Like no other, you could be replaced". Während ich nicht mal versuchen mag, den Inhalt des Songs zu deuten, kann ich doch sagen, dass der geradezu tüpfelnde Start mich verunsichert hatte, als ich ihn das erste Mal hörte. Die Euphorie, die daraus heraufsteigt aber machte alles wieder gut. Mittlerweile verunsichert mich hier gar nichts mehr. Nicht die ungewohnten Gitarrenklänge auf "On the sea", die so ganz anders klingen als sonst bei Euch, und erst recht nicht die erzählerische Art und Weise wie Du, Victoria, hier singst. Und "Wild" erst! Die emotionale Note im ganzen Stück, die Aufbruchstimmung, die es vermittelt, und mit der Schlusszeile "Can I believe in how the past is what will catch you", die mich natürlich wieder an die Geschichte oben mit "Teen dream" erinnert. Ganz am Ende folgt schließlich "Irene", fast 17 Minuten lang, weil Ihr mittendrin einfach aufhört und dann den nächsten Song dranhängt. Aber natürlich wisst Ihr Bescheid, dass Eure Zuhörer das mitmachen: "It's a strange paradise / You'll be waiting", singt Ihr mit himmlischem Unterton, und natürlich warten wir, natürlich warte ich. Auf Euch doch immer, Beach House. Also, nix für ungut wegen "Teen dream", in Ordnung? Alles Liebe und bis zum nächsten Mal, Eure

(Jennifer Depner)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Myth
  • Wild
  • Lazuli
  • Wishes
  • Irene

Tracklist

  1. Myth
  2. Wild
  3. Lazuli
  4. Other people
  5. The hours
  6. Troublemaker
  7. New year
  8. Wishes
  9. On the sea
  10. Irene

Gesamtspielzeit: 60:35 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Anonymität
2018-07-22 23:26:56 Uhr
Stimme dem nicht zu.
Tobsen
2018-07-22 20:56:32 Uhr
"Bin auf den Hype reingefallen und habe mir dieses Album nach ein paar kurzen Hörproben (...) vor ein paar Wochen bestellt. Bei den ersten beiden Hördurchläufen ist es durchgefallen.

Heute bekam es die dritte Chance: Schluss! Aus! Vorbei! Es wird nie funzen. (...) Werde ganz sicher nicht nochmal auf die Depner reinfallen. Es macht mich fassungslos, wenn ich daran denke, was die einem so als 09/10 verkaufen will. "


Dieses Zitat musste ich gerade mal voranstellen. Nichts gegen den Geschmack des Urhebers, aber ich musste beim Lesen lachen, weil es bei mir so exakt anders war. Bin nämlich ebenfalls auf den Hype "reingefallen", wenn man das so nennen will - ich fand die "Bloom"-Rezension lediglich auffällig von Herzen kommend verfasst und dachte mir, ich will wissen, warum ein Musikrezensent heutzutage so offen und eindeutig seine Lieblingsband benennt.

Liebe Jennifer Depner, vielen Dank für den Wegweiser in die Welt von Beach House! Ich war durchaus kritisch am Anfang. Das Label "Dream Pop" fand ich dämlich. Und Bands mit nur zwei Mitgliedern misstraue ich generell erst mal. Es gab sogar einen CD-Durchlauf, circa der dritte, im Auto auf der A3, da war irgendwie alles falsch. Die Melodien zündeten nicht, Victoria Legrands Stimme mäanderte scheinbar ziellos durch ihren eigenen Hall, und ich wusste einfach nicht, was die Band von mir will. War aber vielleicht gut so. Aus der Position der leichten Enttäuschung heraus konnte ich mich in das Album danach ohne Vorschuss, quasi befreit, hineinhören.
Und dann kam auch der Sommer, der jetzt schon seit langen Wochen anhält und dieser Musik den perfekten Rahmen gibt, und mit ihm wurde das Album seinem Titel gerecht und blühte auf. Es hat mich jetzt schon einige Male sprach- und ratlos gemacht: Wie kann schlichter Pop so sonnig, federleicht, schwerelos, lässig und doch gleichzeitig so schwer, melancholisch, seufzend und traurig klingen? Und damit mein eigenes Gefühl so zielsicher in Klangform abbilden?
Als hätten Beach House gewusst, was ich brauche, um mich darin wiederzufinden. Als hätten sie auch gewusst, dass es die ersten Töne eines Albums sind, die mich kriegen müssen, in deren Welt ich sofort eintauchen und nicht mehr auftauchen möchte. "Myth" macht mich zwei Strophen lang sprachlos vor Schönheit, man wagt kaum zu hoffen, wird das etwa noch größer?, und dann diese große Geste des Refrains - spätestens da möchte ich niederknien. Aber es geht ja gerade erst los. Ich würde sterben für: Das Eingangsriff und die Schmerzen von "Wild". Die am liebsten nie endende Coda von "Lazuli". Die unfassbar sehnsuchtsvollen Strophen von "Other People". Ganz "The Hours" in seiner Verzauberung. Die völlige Abgehobenheit des Refrains von "New Year". Den unerträglich wundervollen Spannungsbogen von "Wishes". Das in höchste Höhen hinauf schwebende Crescendo von "On The Sea" samt total verträumtem Outro. Und für alles, was dazwischen ist, würde ich, wenn nicht sterben, dann zumindest hart kämpfen. Wie toll, dass mein Sommer diesen Soundtrack hat.

Es gibt tausend Kritikpunkte an dieser Musik. Sie ist total gleichförmig, wahnsinnig kitschig, simpel, ertrinkt in ihrem eigenen Schönklang, man wird zum totalen Weichei beim Hören (kommt mir zumindest so vor), ja, alles richtig. Ist alles so, muss vielleicht alles so sein. Egal! Ich bin heilfroh, dieser Empfehlung auf den Grund gegangen zu sein. Was kommt jetzt noch alles? Zig Beach House-Alben wollen noch gehört werden. Was für Aussichten! Ich bekenne: Ich möchte in denselben Fanclub wie all die anderen Fanboys und -girls. Ich bin genauso schlimm verliebt wie die. Offensichtlich.

boneless

Postings: 2430

Registriert seit 13.05.2014

2015-10-22 18:15:30 Uhr
Und die ewig lange Pause vor dem Hidden Track nervt auch wie Sau, diese Unart hab ich sowieso nie verstanden.

für solche probleme gibts mittlerweile diverse schnittprogramme. zumindest, wenn wir über mp3s reden...

poser

Postings: 2257

Registriert seit 13.06.2013

2015-10-22 11:56:21 Uhr
Für mich hat DC aber auch kein richtiges Highlight. Finde die Songs da aller eher nur ganz nett. Natürlich kommt da schon die Beach House-atmosphäre auf, aber ich habe nie den Moment in dem richtig ergriffen werde.

MopedTobias

Postings: 12426

Registriert seit 10.09.2013

2015-10-22 11:49:40 Uhr
Genau diese "Gleichförmigkeit" ist imho die größte Stärke der Depression Cherry. Vom ersten Ton an wird man vom Album in Gänze verschlungen und erst nach den letzten Klängen von Days of Candy wieder losgelassen. Das hab ich in der Intensität bei keinem anderen BH-Album erlebt, auch wenn die beiden Vorgänger stärkere Einzelsongs haben. Dafür hat die DC aber auch keinen wirklichen Ausfall.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify